Philipp Mornay schlief diese Nacht wenig, und sein Gewissen schlief nicht mit ihm. Er kämpfte schon längst mit sich, ob er ausspräche, wovon er Kenntnis hatte. Die Gelegenheit war gekommen und die Pflicht nachgerade unabweisbar. Während er zeitweilig vom Wundfieber verwirrt war, sah er sich selbst vor dem König stehn, hörte sich reden — schneller als sonst, auch um vieles unwiderstehlicher. Der König gab ihm alles zu, sogar das böse Gerücht von der Frau des Müllers, eine unehrbare, obendrein gefährliche Sache. Der König senkte die Stirn zum Zeichen der Reue, erhob sie indessen wieder, da Mornay es innig wünschte in seinem Fiebertraum. Er wollte nicht, daß sein König durch ihn beschämt würde. Noch weniger war er gesonnen, ihm das Andenken zu trüben an die ihm liebste Person. Leider drängte es damit, wenn der König auf dem abschüssigen Wege seiner Leidenschaften jemals sollte zurückgehalten werden. Man mußte ihm zeigen, wohin sie führten, dies aber konnte nur einer: der Besitzer des schweren Geheimnisses.
Herr! Entbinde mich der Pflicht, bat der Fiebernde, dessen unbeherrschte Gedanken sein Gebet sofort erfüllten. Er brauchte nicht mehr auszusprechen, was ihn so furchtbar quälte, denn der König wußte es schon. Das Unerklärliche war geschehen, der König, nicht mehr Mornay, besaß die anklägerischen Schriftstücke. Er zog sie hervor, gab sie Mornay zu lesen und versicherte, daß die erlangte Kenntnis des Geheimnisses ihn zum Anhalten gebracht und vor dem Sturz gerettet habe. Er sehe jetzt, sagte der König, daß selbst ein geweihtes Leben durch die Unenthaltsamkeit des Geschlechts habe erniedrigt werden können, so daß einige Mitwisser nur in Grauen und Mitleid dieser Toten gedächten. Was bedeutete es dann noch, wenn ein ganzes Volk seine dahingeschiedene Königin verehrte als fromm und rein? Ich, sprach der König im Traum des Fiebernden, will mich warnen und bessern lassen. Ich verzeihe allen, die ihrer Menschennatur gefolgt sind. Ich tat es selbst im Überdruß. Damit soll ein Ende sein: das verspreche ich als der König.
Nachdem Mornay das Versprechen des Königs empfangen hatte, entschlummerte er ruhiger — erwachte aber, als es Zeit war, in den Park La Garenne zu gehn. Sein Kopf war völlig klar, dennoch meinte er zunächst, die beiden Schriftstücke mitsamt dem Geheimnis wären wirklich im Besitz des Königs, anstatt in dem seinen. Er mußte zuerst die Mappe aufschließen: darin fanden sie sich wirklich vor. Nichts war verändert, der König wußte nichts, noch immer wartete auf Mornay die harte Pflicht.
Was niemals vorgekommen war, er betrat die Allee nach dem König. Henri ging sie schon auf und nieder mit ungeduldigen Schritten. Kaum des Gesandten ansichtig, führte er ihn mit eigener Hand zu der Bank, betrachtete besorgt den eingebundenen Schädel und fragte, wie es damit stehe. Ein kleines Stück der behaarten Kopfhaut wäre fortgerissen durch die Kugel, erklärte Mornay. Der Schaden wäre gering, er lohnte kaum die königliche Erkundigung. «Wenn es Eurer Majestät beliebt, sprechen wir von Geschäften.»
«Sie dulden tatsächlich keinen Aufschub», sagte Henri — zögerte aber, bevor er von seinen Geldverlegenheiten anfing. An Mornay fand er etwas Ungewohntes, es ähnelte der Furcht. Er hat eine schlechte Nacht gehabt, entschied Henri und sprach von seinen Bauern, denen er durchaus die Steuern erleichtern mußte. Wie nur den Ausfall ersetzen? Er rief, zum Scherz scheinbar, indessen um das Herz war es ihm ernst: «Könnt ich es machen wie die selige Königin, meine Mutter! Sie bestrafte sich für die geringste Verfehlung. Hundert Pfund zahlte sie der Rechnungskammer, wenn sie vergessen hatte zu beten. Meine Bußen würden etwas mehr ausmachen als die meiner lieben Mutter!»
Da bezwang Mornay seine Furcht. Sie war Menschenfurcht gewesen; das Gottvertrauen verdrängte sie. Er erhob sich, Henri betrachtete ihn neugierig.
«Die selige Königin», sagte Mornay, klar und ruhig wie immer, «sie war strenge gegen sich in allem, und doch in einem nicht. Ihre Majestät ist eine unerlaubte Ehe heimlich eingegangen mit dem Grafen Goyon, der getötet wurde in der Bartholomäusnacht. Die Königin schloß die Verbindung ohne den Segen der Kirche, und auch nachträglich wurde er ihr nicht erteilt, da sie den begangenen Fehler nicht öffentlich wollte einbekennen. Sie stand im Alter von dreiundvierzig Jahren, der König, Ihr Vater, war seit neun Jahren tot. Sie hatte von Herrn de Goyon einen Sohn.»
Hier schnellte Henri auf. «Einen Sohn! Was sind das für Märchen.»
«In den Büchern Ihrer Rechnungskammer, Sire, stehen keine Märchen. Dort sind verzeichnet fünfundsiebzig Pfund, für den Unterhalt eines Kindes, genannt Francois Goyon, das die Königin in Pension gab am dreiundzwanzigsten Mai 1572.»
«Damals war sie nach Paris gereist — wollte mich verheiraten — und starb.» Henri stammelte, Tränen schossen ihm in die Augen. Während der Dauer eines Gedankens war Jeanne noch vergrößert durch gehäufte Schicksale — ungeahnte, nicht sogleich faßbare. Ihrem Sohn schwindelte. Vorbei der Gedanke. Plötzlich schlug der Stolz des Sohnes in Demütigung um. «Unwahr!» rief er, und seine Stimme brach. «Fälschung! Verleumdung einer Frau, die nicht widersprechen kann!»