«Einsperren meinst du?»
Nein, das meinte sie nicht. Schriftstücke sollten angefertigt werden, sollten lang und breit beraten, von den Schreibern mehrfach ausgestellt und gegen Abend endlich beiderseits unterschrieben werden. Beiderseits? Nun ja, die eine der Parteien war Michaud, Pächter dieser Mühle. «Die andere Partei?» Die Frau ließ eine Weile vergehn, inzwischen prüfte sie aus schmalen Augen ihren jungen König, ob er imstande wäre, zu erraten. ‹Die Männer sind so dumm, wenn sie etwas anderes im Kopf haben›, dachte Madeion. «Sie selbst, Sire, sind die andere Partei», eröffnete sie ihm, senkte den Ton und rückte mild, beides aus Mitleid mit seinem Geisteszustand. «Ihr Notar wird die wichtigsten Papiere statt Ihrer verfertigen, indessen wir beide hier aus vollen Kräften glücklich sind.»
Bei den letzten Worten hob sie die Stimme wieder und gab ihr den Ausdruck seligen Erwartens — obwohl die Seligkeit einigen stillen Hohn enthielt. Daher begriff er auf einmal alles: er sollte bestohlen werden. Die gedachten Schriftstücke konnten nichts anderes enthalten, als daß er das Besitzrecht an der Mühle auf ihren biederen Ehemann übertrug. Das sollte der Preis sein, dafür liebte die Frau dann allerdings wirklich; Michaud hoffte vergebens, ohne Hörner davonzukommen bei dem Handel. ‹Denn sie wollen alles›, dachte Henri, ‹die Mühle, die Liebe, besonders aber den Sieg — über beide Männer.›
«Ich habe verstanden», sagte er nur; und in diesem Augenblick verlangte er von Madeion nichts weiter, als was sie ihm von selbst schon gegeben hatte: die Schlauheit der Frauen, die so geistreich ist, ihre Gunst zu versprechen, die Geschmeidigkeit und Unerbittlichkeit ihrer süßen Herzen.
Im nächsten Augenblick dachte er: ‹Diebin, das soll dir mißlingen› — und warf sie tatsächlich um. Sofort schrie sie: «Michaud!» Von den aufgeschichteten Säcken wurde einer herausgestoßen, durch die Lücke kroch der Pächter, ungeschlacht fiel er über Henri. Die Last loszuwerden, verlangte von Henri Geschmeidigkeit, wahrhaftig keine geringere als die der Frau, da sie ihn in die Hand hatte bekommen wollen. Wirklich bewunderte sie ihn als Kennerin und überließ ihren Mann seinem Schicksal.
Da der hohe Herr jetzt glücklich auf den Füßen stand und Abstand genommen hatte, duckte der Tölpel sich und wollte ihm seinen dicken Kopf in die Magengrube rennen. Der Tölpel wurde zu Fall gebracht, und Henri rief im Ton des Gebieters: «Michaud!» — was nicht mehr helfen konnte. Der Kopf war dunkel angeschwollen, der Tölpel dem Schlagfluß nahe. Am Arm des Herrn zog er sich vom Boden hoch, hielt den Arm auch weiter umklammert, aber Henri widerstand nicht. Wenn der Mann sich nur beruhigte und aus der Sache kein Skandal wurde. Daher ließ Henri sich ziehen, wohin Michaud wollte. Dieser stolperte umher in blinder Wut, oder vielleicht war die Wut absichtsvoller als Henri meinte, denn plötzlich gerieten sie an den tiefen Kasten, worin die Mahlschraube kreiste. Beim allerletzten Schritt begriff Henri das Vorhaben, mit dem Fuß riß er den Pächter nieder, sonst war es geschehen. Der Pächter hätte ihn über den Brunnen geworfen, Hand und Arm wären erfaßt worden von der eisernen Schraube.
Das Entsetzen ist erfinderisch in seinem Ausdruck. Pächter Michaud wälzte sich am Boden, stößt schwaches Geheul aus, man glaubt ferne Esel zu hören. Dazwischen verdreht er den Hals, um sich nochmals zu überzeugen, daß dem König nichts geschehen ist — worauf er fortfährt mit Wälzen und Heulen. Madeion, weißer als das Mehl, mit Kopfwackeln wie eine Greisin, ist hingekniet; will die erhobenen Hände aneinanderlegen und bringt es nicht fertig, sie zittern zu sehr.
Kalt überlaufen, aber dennoch hell lachend verläßt Henri diese beiden, macht sich davon, läuft, lacht, schüttelt das Mehl ab, schüttelt das Abenteuer ab. Es gibt Sachen, die müssen auch für das Gedächtnis so verwirrt und jäh bleiben, wie sie sich zugetragen haben: besonders feindliche Überfälle im Krieg und in der Liebe. Man ist ohne große Ehre, aber mit dem bloßen Schrecken davongekommen, sitzt auf und läßt das Pferd rennen. Furchtbar viele Mühlen sind im Land, und Müllerinnen ohne Ende. Diese Mühle sieht mich so bald nicht wieder. Wenn ich aber doch einmal vorbeikäme?
Verwandlung. Müller Michaud empfängt an seinem Tisch den König, einen gealterten König, grauer Bart und Federhut. Ihm ist vorangegangen die Legende seiner unzähligen Kämpfe um dies Königreich. Mit ihm eingetreten sind alle seine sagenhaften Liebschaften in diesem Volk. Fünf Personen umringen den Tisch, eine große irdene Schüssel speist alle, sie haben geschnittenes Brot und Wein in Krügen. Abend ist, und in der zugigen Mühle flackern über ihren Köpfen viel Flammen aus den Schnäbeln der Lampe. Hinten steht Dunkelheit, das Licht fällt nach vorne, auf die Brust: mild und inständig hebt es die Personen aus der Nacht.
Der König, leicht auf den Tisch gestützt, hält in der Hand sein Glas. Vier der Personen halten Gläser, nur die Müllerin nicht. Vorgeneigt hängt sie, unjung und versunken, an ihrem König, der vorbeiträumt in das Ungewisse. Ist aber doch mit ihr allein an den beiden vorderen Tischecken. Weiter zurück in einem eigenen Zwischenraum: zwei Junge, die Tochter und der Müllersknecht, berühren einer das Glas des anderen, und ihre Augen vergessen sich ineinander mit Andacht. Als letzter drüben hebt sein Glas der Müller, schwingt seinen Hut und singt — das Lied vom galanten König. Greise Haare hat Michaud, treu blickt er auf seinen König, singt ihm munter zu, weiß ganz gewiß, daß der König das Volk liebt und alle Töchter des Volkes.