Die Herzogin von Montpensier in ihrer Sänfte, mit ihren langen starken Gliedmaßen, kam in den Louvre gefahren, als bräche ihr Reich schon an. Die Wachen stoben auseinander, so sah sie aus, die Haare bis über die herrische Nase, grausame Augen und eine Hetzpeitsche — aber überall Edelsteine, auch auf der Peitsche. Sie rief nach dem König, und da seine Diener vor ihr geflüchtet waren, trat er endlich allein aus seinem Zimmer.
«Madame, ich könnte Sie in die Bastille werfen lassen.» Bevor sie es erwartet hatte, entriß er ihr die Peitsche, diese flog in den Winkel.
«Ich habe noch die Schere», kreischte die Furie und zeigte sie ihm. Die Schere war aus Gold und hing an ihrem Gürtel. «Die hat ihre Bestimmung!» sagte sie ihm mit Mordblicken.
Er wußte, welche Bestimmung: ihm die Tonsur zu schneiden. Er sagte: «Frau Liga ist eine noch bösere Dame als Sie, Madame. Auch sie wird mir die Tonsur nicht schneiden.»
Sie lachte wahnsinnig. «Sire! Sie können keine Frau zufriedenstellen. Frankreich hat Ihnen nie gehört, Madame Liga nicht und ich ebensowenig.» Da sie ihm hierbei vor der Nase umherfuchtelte mit ihrer Schere, griff er plötzlich zu, und ebenso schnell hielt er zwischen seinen Fingern eine abgeschnittene Locke ihres schönen, wilden Kopfes. Während sie vor Schrecken still war, sagte er: «Madame, Ihre Locke behalte ich zum Andenken an Ihren Besuch.»
«Woher nehmen Sie den Mut?» fragte die Herzogin, fing an zur Besinnung zu kommen und den König zu erblicken. Bisher hatte sie trotz seiner leiblichen Gegenwart wüst von ihm geträumt. «Was ist Ihnen begegnet?» fragte sie.
Der König antwortete ihr nicht. Er zuckte schon die Schulter, zur Umkehr nach seinem Zimmer. Da aber alle Türen offengeblieben waren, sah er durch die entferntesten herbeistürzen den Herzog von Guise. Dem König wurde unwohl; dennoch floh er nicht, sondern stampfte auf und rief nach der Wache, so männlich stark er konnte. Von allen Seiten drangen Leute, endlich zeigte sich auch Marschall Joyeuse. Was Guise betrifft, war er außer Atem und versuchte sich in Beteuerungen seiner Treue. Er hatte seine Soldaten auf das Volk einhauen lassen, dies behauptete er kühn. Er gab sich als den großen Diener. Der König warf dazwischen:
«Auffallend viele Fässer kommen auf dem Fluß an. Das Volk soll wohl immer lustig gemacht werden wie heute? Und mit leeren Fässern baut man Barrikaden!» Valois sprach drohend, niemand kannte den Schwächling wieder. Die Fässer konnten allerdings für den Bau von Barrikaden dienen; Guise wußte es am besten, aber weniger als je schien die Zeit ihm günstig, wenn er Valois ansah. Natürlich war der Herzog beherrschter als seine Schwester, auch klüger als der Kardinal von Lothringen, der das Vorrecht, den König abzuscheren, für sich als einen Kirchenfürsten beanspruchte. Seine Schwester, die infolge der Erwähnung der Fässer schon wieder ihre Schere schwenkte, wurde von dem Herzog streng angelassen. Übrigens begann ihre zu oft wiederholte Gebärde einfach lächerlich zu werden, besonders angesichts der Haltung des Königs, die nachgerade majestätisch war.
«Madame», rief der Herzog. «Ihr Eifer für die heilige Kirche verwirrt Sie. Wir sind Diener des Königs, der gegen die Protestanten ins Feld ziehen wird: die Steuern erhebt er schon, das ist das erste. Nun droht uns der Einfall der Deutschen in das Königreich, die Hugenotten haben sie wieder einmal gerufen.» Zum König gewendet: «Sire! Ich biete Ihnen mein Schwert an und bürge für den Untergang aller Ihrer Feinde.»
Das letzte betonte er, wiederholte besonders: aller. «Aller Ihrer Feinde, Sire!» Damit nötigte Guise seinen Valois, endlich zu hören, wessen Untergang er ihm zuschwor. «Des Königs von Navarra», sagte er ausdrücklich und verfolgte auf dem verhaßten Gesicht die Wirkung. Diese war ein Aufleuchten der Stirn und ein fest geschlossener Mund. Hier wußte Guise Bescheid. Er nahm Abschied und führte seine Schwester bei der Hand hinaus. «Mach nicht die Furie!» pfiff er ihr bös in den Nacken.