Vierundzwanzig Mörder wurden in dieser Zeit ausgeschickt gegen den König von Navarra. Was der arme Valois sich heimlich wünschte: sein Vetter möchte ihm zu Hilfe kommen, andere befürchteten es und wollten es abwenden. Man sagte ihn tot, wie gewöhnlich die tun, deren Vorteil es wäre, und einige sind sogar in der Lage, Genaues darüber zu wissen. Der Herzog von Guise hat sich bei dem König von Frankreich dringend erkundigt, ob es wahr ist. Der König konnte nur hoffen, daß sein Vetter Navarra lebte; nach dem Tode des Prinzen von Condé hatte er ihm Gesandte geschickt, besonders Herrn de Montmorency. Dies war wirklich der letzte seiner Versuche, den Übertritt zur katholischen Kirche zu erreichen bei dem einzigen überlebenden Haupt der Protestanten. Nachher war Henri der unanfechtbare Erbe der Krone. Niemand glaubte, daß seine Protestanten noch von ihm abfallen könnten seit dem Verschwinden des Mitbewerbers um ihre Führung. Doch: Henri kennt sie. Er weiß auch, daß er auf gradem Wege bleiben muß, solange das Abweichen nach Schwäche aussähe. Seine innere Festigkeit kann Untreue nicht brauchen und verwirft ein vorzeitiges Gelüst. Wenn das Königreich kämpfend erworben und zusammengebracht ist nach allen weiter bevorstehenden Mühen des Lebens, ergraut, von erprobter Macht und Gewalt: um ihretwillen wäre es durchaus nicht mehr nötig, dann, aus freien Stücken wird er zur Messe gehen. Vorher nicht. Um nur geduldet zu werden, niemals.
Der tapfere Henri aber fürchtete Gift und Messer, weil diese nicht erlauben, daß man sich wehrt, wie ein Soldat und wie das Gewissen sich wehren. ‹Das Messer ist noch schrecklicher als das Gift, es droht nicht nur beim Essen. Überall unter Menschen kann mir über den Rücken Kälte laufen, weil ich nicht sehe, was hinter mir einer aus dem Ärmel zieht. Ein kleines Messer ist bald versteckt, sehr leicht im weiten Ärmel eines Mönches. Zu mir kam aber ein feiner Edelmann, kannte die Sprache nicht, sogar Lateinisch nicht, und hatte sein Anliegen auf einem gerollten Pergament, das er aus dem Futteral zog: der Dolch glitt ihm dabei von selbst in die Hand. Ich mußte erstaunlich schnell zufassen und ihm das Gelenk umdrehn! Den Hauptmann Sacremore dagegen haben meine Leute abgefangen. Beweise sind da, es stimmt, er ist mir auf die Spur gesetzt. Sonst hätte ich es nicht geglaubt von einem so mutigen Offizier. Mörder sind feige — ich aber soll sie immerfort fürchten? Endlich will ich mit einem von ihnen Wein trinken und mich an seine Art und Anblick gewöhnen.›
Das war im Schloß zu Nérac. Am Abend schickte er alle fort, ließ den Gefangenen hereinbringen, ihm die Fesseln abnehmen, und blieb mit seinem Mörder allein, zwischen beiden nur der Tisch.
«Hauptmann Sacremore, ich will von Ihnen wissen, wie das Töten ist. Getötet werden — auch das soll ich vielleicht erfahren, aber nicht durch Sie. Von dem feigen Mord sprechen Sie mir, als Soldat und brav. Nun?»
Der Mann hatte böse Augen, sonst war er schön in der Art von verwüsteten Einzelgängern. Saß in gefälliger Haltung, ein Edelmann aus italienischem Haus: die tiefe Ironie der Züge hätte ihn allein schon kenntlich gemacht. Er antwortete nicht. Henri schob ihm Wein hin, dafür dankte er wohlerzogen und trank das Glas leer. «Sie könnten vergiftet sein, Hauptmann Sacremore.»
Hierüber wunderte der Mörder sich höflich. «Sire! An Todesarten für mich fehlt es Ihnen nicht.»
«Welche, glauben Sie, werde ich wählen?»
«Sire, die ehrenhafteste, den Zweikampf», sagte der Mörder und gab seine List für Leichtsinn aus.
«Herr Charles de Birague, ich scherze nicht. Sie sind ins Land gekommen mit dem früheren Kanzler, der unsere Grundbesitzer im Gefängnis erdrosselte, damit die alte Königin erben konnte. Ihnen sind versprochen, wenn Sie mich töten, viele goldene Pistolen spanischer Prägung. Sie haben im Feld als Glückssoldat den Namen Sacremore erworben, bleiben aber ein Birague.»
«Sire, Sie wollen mich beschimpfen. Ich dagegen biete Ihnen an, daß wir uns ehrlich schlagen. Ich als Ihr Mörder bin Ihnen gleich geworden, darum sitzen Sie mit mir auf, hier in totenstiller Nacht.»