Der zweite Teil des Romans schildert die mühselige Vollendung der persönlichen Entwicklung des Königs und seines politisch-sozialen Werks. Paris, die katholische Hauptstadt, verschließt vor dem protestantischen» Ketzer «ihre Tore. Zum fünften Mal vollzieht Henri, um der Einigung des Reiches und der Aussöhnung der verfeindeten Konfessionen willen, den» Todessprung «der Konversion. Nicht politischer Opportunismus, sondern die realen Lebensinteressen seines Volkes veranlassen ihn zu dem berühmt gewordenen Ausspruch:»Paris ist eine Messe wert. «Henri verkörpert einen streitbaren Humanismus, der sich nicht scheut, die reine Toleranz dort zu kritisieren, wo in ihrem Namen Unrecht geschieht. Im Edikt von Nantes schließlich sichert er seinem Volk Glaubensfreiheit zu und schafft damit die Voraussetzungen auch für eine politische Befriedung des Landes. Henri plant große soziale Reformen, bei deren Ausarbeitung ihn nicht zuletzt Gabriele d’Estrées, die große Liebe seines Lebens, unterstützt und inspiriert. Die Ermordung Gabrieles deutet er als Vorzeichen seines eigenen Endes:»Die Wurzel meines Herzens ist tot und wird nicht wieder treiben. «Seine zweite Frau, die landfremde Maria von Medici, schenkt ihm zwar Nachkommenschaft, intrigiert aber zusammen mit ihrem florentinischen Anhang gegen ihn und sein Reformwerk. Der» Große Plan «des alternden Henri, der einen Völkerbund der christlichen Nationen Europas zum Ziel hat, ist dem politischen Bewußtsein seiner Zeit weit voraus. Henri wird von Heinrich Mann zum Ahnherrn des modernen revolutionären Sozialismus stilisiert.»Seither wäre er Bolschwik genannt worden. Indessen hieß er Ketzer, und die wirklichen Zusammenhänge blieben im dunkeln. «Henri stirbt durch den Dolch Ravaillacs als Opfer einer Verschwörung fanatischer Jesuiten. Der Dichter läßt jedoch den toten König» von der Höhe einer Wolke herab «eine französische Schlußansprache halten, worin zukunftsgläubig die Utopie eines Ewigen Friedens, eines Wirklichkeit werdenden Goldenen Zeitalters entworfen wird. Frankreich, so lautet Henris politisches Vermächtnis, soll zum» Vorposten der menschlichen Freiheiten «werden,»die da sind: die Gewissensfreiheit und die Freiheit, sich satt zu essen«.

Nicht» verklärte Historie «oder» freundliche Fabel «bietet dieser Roman, sondern ein» wahres Gleichnis«: Heinrich Mann sieht die vergangene Zeit im Licht seiner eigenen, modernen Erfahrung. So lebt die scheinbar bereits veraltete Gattung des historischen Romans, den die deutsche Exilliteratur nicht zufällig zum bevorzugten Instrument ihrer politischen Kritik machte, einzig aus der Gegenwartsbezogenheit. Die Spannungslosigkeit des traditionellen Geschichtsromans, worin ein allwissender Erzähler bereits bekannte Ereignisse chronologisch berichtet, wird hier durch ein Erzählen aus verschiedenen Perspektiven, durch eingeschobene kritische Kommentare, Vor- und Rückverweise sowie Anreden des Erzählers an seine Figuren und an den Leser vermieden. Häufig geht die erzählende Prosa in dramatische Dialoge über. Ferner liebt es Heinrich Mann, durch den abrupten Wechsel von neutraler Beschreibung und grotesker Überzeichnung epische Verfremdungseffekte zu erzeugen. Das Problem einer Synthese von Geist und Tat, das Heinrich Manns episches und essayistisches Werk durchzieht, fand in der Gestalt des guten Königs Henrie eine modellartige Lösung.

R.Ra.-KLL

Roland Rall/KLL