«Wie Sie mir leid tun, Sie junger Mensch! Achtzehn Jahre, nicht wahr, und schon eine Doppelwaise. Sie sollen in mir eine zweite Mutter finden, die Ihre Schritte leitet, denn die Schritte der Jugend sind oft vorschnell. Ich weiß, daß Sie es mir danken werden, junger Mensch, Ihr Wesen ist lebhaft und natürlich. Wir beide verdienen, daß wir einander verstehn.»
Das war grausig. Auf dem Tisch ahnte man unsichtbar ein vergiftetes Glas, die Fingerchen der Alten schlichen zu ihm hin, während aus ihr der Abgrund redete. Es war ein Bann, man mußte ihn brechen! Gewisse Worte und Zeichen hätten wahrscheinlich bewirkt, daß das bleifarbene Gesicht mit den hängenden Wangen zerplatzte und in Luft zerging. Henri indessen fand in diesem auf die Spitze gestellten Augenblick etwas anderes als solche Kunststücke: er entdeckte in seinem Empfinden, daß die Mörderin seiner Mutter erbarmungswürdig war — wie im Brunnenschacht des Louvre der Turmrest, der auf den begrabenen Jahrhunderten übrig ist. Dennoch wird er bald fortgeräumt. Vielleicht tut sie es zuletzt selbst. Sie oder ihr Geschlecht mußten auch schon die schöne Front des Schlosses errichten in der Mittagssonne. Sie für ihre Person sitzt noch da als die böse und närrische Vergangenheit. Das schlechte, aber auch Überalterte ist endlich zum Lachen, mag es sogar fortfahren zu morden. Trotz seinen verspäteten Untaten erbarmt es uns seiner Ohnmacht, seines Verfalls!
Hell und zuversichtlich rief der junge Henri: «Wie wahr Sie gesprochen haben, Madame! Ich werde Ihnen einmal danken, das ist gewiß. Möchten meine Handlungen immer dieselbe Natürlichkeit zeigen wie die Ihren! Mein Bemühen wird sein, einer so großen Königin zu gefallen.»
Diese übertriebene Ironie mußte sie unbedingt bemerken: er ließ es darauf ankommen. Ihre glanzlosen schwarzen Augen suchten auch wirklich, spitz geworden, in seiner Miene, die nichts zeigte als Jugendmut. Henri sagte weiter unter ihren spähenden Blicken: «Von Ihnen, Madame, hoffe ich über das Ende der Königin, meiner armen Mutter, etwas mehr zu hören, als andere mir berichten können. Sie hatte das Glück, Ihnen nahezustehen, und in allen ihren Briefen war meine arme Mutter über Sie, Madame, des Ruhmes voll.»
«Ich glaube es», erwiderte Katharina. Sie dachte an den letzten der Briefe, in dem Jeanne d’Albret sich geschmeichelt hatte, sie selbst aus der Macht zu verdrängen, und den sie eigenhändig geöffnet und wieder verschlossen hatte. An denselben dachte auch Henri.
Die alte Katharina wurde noch einfacher und gradezu freundlich. «Mein Kind», sagte sie jetzt.
«Mein Kind, wir sind hier nicht zufällig allein beisammen.
Es war gut und richtig, daß Sie zuerst mich aufsuchten, denn ich hätte Sie sonst gerufen in der vorgefaßten Absicht, Ihnen Aufklärungen zu geben über den Tod Ihrer Mutter, meiner guten Freundin. Wer nicht Bescheid weiß, macht aus natürlichen Geschehnissen leicht ein Geheimnis, das ihn erbittert.»
‹Gut gespielt›, dachte er und erwiderte: «Sehr wahr, Madame, ich selbst habe es festgestellt. Niemand, der die Königin, meine Mutter, unlängst gesehen hatte, wollte glauben, daß ihr Leben gefährdet war.»
«Und Sie, mein Kind?» fragte sie geradezu — und so mütterlich wie nur die rechtschaffenste alte Frau. Dies war der Augenblick! Er fühlte, daß er dieses Wortes wegen hier stand. Jetzt mußte er rufen: Mörderin! So hatte in seinem Geist die Abrechnung mit Madame Catherine ausgesehen, bevor der Augenblick da war. Statt dessen stockte er; seinem entschlossenen Haß begegnete ein Hindernis, das er noch nicht kannte. «Ich erwarte Ihre Aufklärungen», hörte er sich zu seinem Erstaunen sprechen.