Jeden Morgen kam es ihr vor, als sähe sie ihn auf dem Kopfkissen, ganz nah ihrem Gesicht, und sie murmelte im Halbschlaf: »Oh, Geliebter, bist du nun zurückgekommen? Guten Morgen. Guten Morgen, mein kleiner Liebling.« Und sie streckte die Hand aus und berührte das kühle Laken.
— ›Man muß ganz viel Geduld haben‹, dachte Ilsée noch.
Lange wartete Ilsée auf ihren Bräutigam. Ihre Geduld floß in Tränen. Und ihre Augen blieben feucht, und verwirrte Linien zogen über ihre Wangen. Ihr ganzer Leib beugte sich. Jeder Tag, jeder Monat, jedes Jahr drückte mit schwererem Finger ein Mal auf sie.
— »Oh! mein Geliebter«, sagte Ilsée, »ich muß an dir zweifeln.« Sie schnitt das weiße Linnen vom Spiegel, und in dem bleichen Rahmen war das Glas ganz voll von dunklen Flecken. Feine Runzeln zogen über den Spiegel, und dort, wo sich das Metall vom Glas gelöst hatte, sah man dunkle Teiche.
Die andere Ilsée kam aus der Tiefe des Spiegels, schwarz gekleidet wie Ilsée, und das Gesicht abgemagert und gezeichnet von den sonderbaren Zeichen des Glases. Und der Spiegel schien geweint zu haben.
— »Du bist traurig, wie ich«, sagte Ilsée.
Die Dame im Spiegel weinte. Ilsée küßte sie und sagte: »Gute Nacht, meine arme Ilsée.«
Und als Ilsée, die Lampe in der Hand, in ihr Zimmer trat, stand sie voll Staunen: denn die andere Ilsée kam, eine Lampe in der Hand, auf sie zu mit traurigen Augen. Ilsée hob die Lampe über ihren Kopf und setzte sich auf das Bett. Und die andere Ilsée hob die Lampe über den Kopf und setzte sich neben sie.
— Ich versteh es wohl, dachte Ilsée. Die Dame des Spiegels hat sich befreit. Sie ist gekommen, mich zu holen. Ich werde sterben.