Und doch liebte Ilsée sie und sprach zu ihr: »Niemand sagt dir guten Morgen, arme kleine Ilsée. Da, küß mich. Wir wollen heute spazieren gehen, Ilsée. Mein Geliebter wird uns suchen. Komm.« Ilsée wandte sich, und die andere Ilsée flüchtete melancholisch in den leuchtenden Schatten.
Ilsée zeigte ihr ihre Puppen und ihre Kleider. »Spiel mit mir. Zieh dich an mit mir.« Auch die andere Ilsée zeigte eifersüchtig Ilsée bleichere Puppen und farblose Kleider. Sie sprach nicht und tat nichts als die Lippen bewegen, wenn Ilsée sprach.
Manchmal wurde Ilsée zornig wie ein Kind gegen die stumme Dame, und auch die wurde böse. »Schlimme, schlimme Ilsée!« rief sie, »wirst du mir antworten! willst du mich wohl umarmen!« Sie schlug den Spiegel mit der Hand. Eine fremde Hand, die an keinem Körper war, erschien vor der ihren. Niemals konnte Ilsée die andere Ilsée greifen und halten.
Sie verzieh ihr des Nachts; und glücklich sie wiederzufinden, sprang sie aus dem Bett, um sie zu küssen und flüsterte: »Guten Morgen, meine kleine Ilsée.«
Als Ilsée einen wirklichen Bräutigam hatte, führte sie ihn vor ihren Spiegel und sagte zur andern Ilsée: »Schau dir meinen Geliebten an, aber schau ihn nicht zu viel an. Er gehört mir, aber ich will dich ihn gern sehen lassen. Wenn wir verheiratet sind, dann darf er dich mit mir küssen, jeden Morgen.« Ihr Bräutigam mußte lachen. Ilsée im Spiegel lachte auch. »Nicht wahr, er ist schön, und ich liebe ihn«, sagte Ilsée. »Ja, ja«, antwortete die andere Ilsée. »Wenn du mir ihn zu viel ansiehst, küß ich dich nie mehr wieder«, sagte Ilsée. »Ich bin so eifersüchtig wie du, weißt du! Auf Wiedersehn, meine kleine Ilsée.«
Je mehr Ilsée die Liebe erfuhr, um so trauriger wurde Ilsée im Spiegel. Denn ihre Freundin kam nicht mehr des Morgens, sie zu küssen. Sie hatte sie ganz vergessen. Dafür kam nach der Nacht das Bild ihres Verlobten zu Ilsées Morgenerwachen. Und tagsüber sah Ilsée nicht mehr die Dame im Spiegel, doch ihr Geliebter schaute sie an. »Oh!« sagte Ilsée, »du denkst nicht mehr an mich, du Böser. Es ist die andere, die du ansiehst. Aber sie ist gefangen; sie wird nie kommen. Sie ist eifersüchtig auf dich; aber ich bin eifersüchtiger als sie. Sieh sie nicht an, Geliebter, sieh mich an. Böse Ilsée im Spiegel, ich verbiete dir, meinem Bräutigam zu antworten. Du kannst nicht kommen; du wirst niemals kommen können. Nimm ihn mir nicht, böse Ilsée. Nachher, wenn wir verheiratet sind, darf er dich mit mir küssen. Lach doch, Ilsée! Du wirst mit uns sein.«
Sie wurde eifersüchtig auf die andere Ilsée. Wenn der Tag verging, ohne daß der Geliebte gekommen war, rief Ilsée: »Du jagst ihn fort, du jagst ihn fort mit deinem bösen Gesicht. Geh weg, du Böse, laß uns«
Und Ilsée verbarg ihren Spiegel hinter einem weißen und feinen Linnen. Und hob ein Endchen davon auf, um den letzten kleinen Nagel durchzuschlagen. »Adieu, Ilsée«, sagte sie.
Doch ihr Bräutigam blieb müde wie zuvor. ›Er liebt mich nicht mehr‹, dachte Ilsée, ›er kommt nicht mehr, ich bleib allein, allein. Wo ist die andere Ilsée? Ist sie mit ihm fortgegangen!‹ Und mit ihrer kleinen goldenen Schere schnitt sie ein Stückchen aus dem Linnen und schaute. Über dem Spiegel lag ein weißer Schatten. ›Sie ist fort‹, dachte Ilsée.
»Man muß Geduld haben«, sagte sich Ilsée. »Die andere Ilsée wird eifersüchtig und traurig sein. Mein Geliebter wird wiederkommen. Ich werde ihn erwarten.«