Aber um Mitternacht erhob sich die Träumende. Wie Morgane warf sie Sandkörner an die Krüge, um die Geheimnisse zu erwecken. Und doch schlief der Räuber weiter; die kostbaren Früchte erklangen nicht, und sie hörte nicht den Goldstaub rieseln, noch die Stoffe der Kleider rauschen, und Salomonis Siegel lag schwer auf dem eingeschlossenen Prinzen.

Eines ums andere warf Marjolaine ihre Sandkörner. Siebenmal schlugen sie auf die harte Erde der Krüge; und siebenmal wieder war es still.

— »Marjolaine, heirate Jean«, sagte ihr jeden Morgen die alte Amme.

Da zog Marjolaine die Brauen zusammen, wenn sie Jean sah, und Jean kam nicht mehr; Und an einem frühen Morgen fand man die alte Amme tot mit einem Lächeln um den Lippen. Und Marjolaine tat ein schwarzes Kleid an und eine dunkle Haube und spann weiter.

Jede Nacht stand sie auf und warf wie Morgane Sandkörner an die Krüge, um die Geheimnisse zu erwecken. Und die Träume schliefen immer.

Marjolaine wurde alt in ihrem geduldigen Warten. Aber der unter dem Siegel Salomonis gefangene Prinz war gewiß noch immer jung und lebte er auch schon tausend Jahre und mehr. Und eines Nachts, da Vollmond war, stand die Träumende auf wie eine Mörderin und nahm einen Hammer. In wilder Wut zerschlug sie sechs Krüge und der Angstschweiß rann von ihrer Stirne. Die Krüge zerbrachen: sie waren leer.

Sie zauderte vor dem Kruge, in den Lilith das violette Paradies gegossen hatte; dann ermordete sie ihn wie die anderen. Und in den Scherben lag eine trockene graue Jerichorose. Als Marjolaine sie zum Blühen bringen wollte, zerfiel sie in Staub.

Die Erhörte

Cice zog die Knie an in ihrem kleinen Bett und legte das Ohr an die Wand. Das Fenster war bleich. Die Mauer zitterte und schien mit ganz leisem Atmen zu schlafen. Der kleine weiße Unterrock blähte sich über dem Stuhl, von dem zwei Strümpfe herabhingen, wie schwarze weiche und leere Beine. Ein Kleid hob sich geheimnisvoll an die Wand, wie wenn es zur Decke hinaufklettern wollte. Die Dielen des Fußbodens knackten leise in der Nacht. Der Wasserkrug glich einer weißen Kröte, die im Becken hockt und das Dunkel schlürft.

— Ich bin zu unglücklich, sagte Cice. Und sie fing an zu weinen. Die Mauer seufzte stärker; die beiden schwarzen Beine blieben regungslos, und das Kleid hörte zu klettern auf, und die zusammengekauerte weiße Kröte schloß nicht ihr feuchtes Maul.