— Sie sind nicht so sehr traurig, sagte das schwarzgekleidete Kind und senkte den Kopf, — solange sie nicht wachsen. Aber die kleinen Lampen dauern nicht ewig. Ihre Flamme nimmt ab, als ob sie sich über den dunklen Regen grämte. Und wenn meine kleinen Lampen verlöschen, dann sehen die Kinder nicht mehr den Glanz des Spiegels und verzweifeln. Denn sie fürchten den Augenblick zu versäumen, da sie zu wachsen beginnen. Das ist es, weshalb sie zitternd in die Nacht fliehen. Aber ich darf jedem Kind nur eine Lampe verkaufen. Versuchen sie eine zweite zu kaufen, verlöscht sie in ihren Händen.

Ich neigte mich ein wenig zu der kleinen Händlerin und wollte eine ihrer Lampen nehmen.

— Oh! nicht anrühren! rief sie. Ihr seid über das Alter, für das meine Lampen brennen. Sie sind nur für die Puppen und die Kinder. Habt Ihr keine Lampe für große Leute bei Euch?

— Leider sind es in dieser Zeit des dunklen Regens, in dieser vergessnen trüben Zeit, nur noch deine Kinderlampen, die leuchten. Und auch mich verlangt es, noch einmal den Glanz des Spiegels zu sehen.

— Komm, sagte sie, wir schauen zusammen.

Über eine kleine wurmstichige Treppe führte sie mich in ein bretterverschlagenes Zimmer, da leuchtete ein Spiegel von der Wand.

— Still, sagte sie, und ich laß Euch schauen. Denn meine eigene Lampe ist klarer und leuchtender als die anderen; und so bin ich nicht zu arm in dieser regenvollen Dunkelheit. Und sie hob ihre kleine Lampe gegen den Spiegel.

Da war ein klarer Glanz, und ich sah bekannte Geschichten kommen und gehen. Aber die kleine Lampe log, log, log. Ich sah die Flaumfeder sich auf Cordelias Lippen bewegen; und sie lächelte und wurde gesund; und lebte mit ihrem alten Vater in einem großen Käfig, wie ein Vogel, und küßte seinen weißen Bart. Ich sah Ophelia am Schilf des Wassers und wie sie die feuchten veilchenumwundenen Arme um Hamlets Nacken legte. Ich sah Desdemona wiedererwacht unter den Weiden wandeln. Ich sah die Prinzessin Maleine, sie nahm ihre beiden Hände weg von den Augen des alten Königs, und sah sie lachen und tanzen. Ich sah die befreite Melisande sich im Brunnen spiegeln.

Und ich rief aus: Kleine lügnerische Lampe . . .

— Still, sagte die kleine Händlerin und legte mir die Hand auf die Lippen. Man darf nichts sagen. Ist der Regen nicht dunkel genug?