Es hatte keine Furcht vor mir! Es hatte keine Furcht vor mir! Meine gräßliche Weiße galt ihm gleich der seines Heilandes. Und ich nahm eine Handvoll Gras und wischte seinen Mund und seine Hände ab. Und ich sprach zu ihm: „Zieh’ in Frieden zu deinem weißen Heiland und sage ihm, daß er mich vergessen hat.“
Und das Kind betrachtete mich, ohne etwas zu sagen. Ich habe es begleitet, bis es aus der Finsternis dieses Waldes heraus war. Es wanderte, ohne zu zittern. Weit hinten im Sonnenschein sah ich sein rotes Haar verschwinden. Domine infantium, libera me! O, daß der Ton meiner Holzklapper bis zu Dir dringe, wie der reine Klang der Glocken. Herr derer, die nicht wissen, erlöse mich!
ERZÄHLUNG DES PAPSTES INNOCENZ III.
Weit vom Weihrauch und den Meßgewändern kann ich sehr leicht mit Gott reden in dieser schmucklosen Kammer meines Palastes. Hierher komme ich, um an mein Alter zu denken, ohne daß mir die Arme gestützt werden. Während der Messe erhebt sich mein Herz, und mein Körper strafft sich; das Funkeln des geweihten Weines erfüllt meine Augen, und mein Geist ist gesalbt mit den kostbaren Ölen; aber an diesem einsamen Ort meiner Kirche darf ich mich unter meiner irdischen Ermüdung beugen. Ecce homo! Denn durch den Prunk der Hirtenbriefe und Bullen kann die Stimme seiner Priester wahrlich nicht bis zum Herrn dringen und sicherlich gefallen ihm weder Purpur, noch Kleinodien, noch Bilder; aber in dieser kleinen Zelle hat er vielleicht Mitleid mit meinem unvollkommenen Gestammel. O Herr, ich bin sehr alt, sieh mich hier weißgekleidet vor Dir. Mein Name ist Innocenz, und Du weißt, daß ich nichts weiß. Verzeihe mir mein Papsttum, denn es ist eingesetzt worden, und ich erdulde es. Nicht ich habe seine Ehrungen befohlen. Ich sehe Deine Sonne lieber durch diese runde Scheibe, als in dem prächtigen Widerschein meiner Kirchenfenster.
Laß mich seufzen wie andere Greise und Dir dieses bleiche, gefurchte Antlitz zuwenden, das ich mühsam aus den Wogen der ewigen Nacht erhebe. Die Ringe gleiten von meinen dürren Fingern, so wie die letzten Tage meines Lebens dahingleiten.
Mein Gott! Ich bin Dein Stellvertreter hier, und ich strecke Dir meine hohle Hand entgegen, voll des reinen Weines Deines Glaubens. Es gibt große Verbrechen. Es gibt sehr große Verbrechen. Wir können von ihnen lossprechen. Es gibt große Ketzereien. Es gibt sehr große Ketzereien. Wir müssen sie unerbittlich bestrafen. In dieser Stunde, da ich vor Dir kniee, weiß, in dieser weißen, schmucklosen Zelle, leide ich, o Herr, unter einer großen Angst, denn ich weiß nicht, ob Richten über Verbrechen und Ketzereien zu meinem prunkhaften Papsttum gehört oder in diese, durch einen kleinen Lichtkreis erhellte Zelle, in der ein alter Mann schlicht die Hände faltet. Und ich bin auch unruhig wegen deiner Grabstätte; sie ist immer noch von Ungläubigen umgeben. Man hat sie ihnen noch nicht abnehmen können. Niemand hat Dein Kreuz nach dem Heiligen Lande getragen. Wir sind in Untätigkeit versunken. Die Ritter haben ihre Waffen niedergelegt und die Könige können nicht mehr befehlen. Und ich, Herr, klage mich an und schlage gegen meine Brust: ich bin zu schwach und zu alt.
Jetzt, Herr, höre auf dies zitternde Flüstern, das
aus dieser kleinen Zelle meiner Kirche zu Dir dringt und rate mir. Seltsame Nachrichten haben mir meine Diener gebracht, von Flandern und Deutschland bis zu den Städten Marseille und Genua. Unbekannte Sekten entstehen. Durch die Städte hat man nackte Frauen laufen sehen, die nicht redeten. Diese stummen schamlosen Weiber zeigten empor zum Himmel. Mehrere Wahnsinnige haben auf den Märkten den nahen Untergang gepredigt. Die Einsiedler und umherziehenden Mönche sind voller Aufregung. Und mehr als siebentausend Kinder sind, ich weiß nicht durch welche Zauberei, aus den Häusern gelockt worden. Siebentausend befinden sich auf der Landstraße und tragen das Kreuz und den Pilgerstab. Sie haben nichts zu essen; sie haben keine Waffen, sie sind unfähig und machen uns Schande. Sie verstehen nichts von jeder wirklichen Religion. Meine Diener haben sie befragt. Sie antworten, daß sie nach Jerusalem gehen, um das Heilige Land zu erobern. Meine Diener haben ihnen gesagt, daß sie nicht über das Meer kommen würden. Sie antworteten, das Meer würde sich teilen und austrocknen, um sie hindurchzulassen. Die guten Eltern, die fromm und klug sind, bemühen sich, sie zurückzuhalten. Sie aber zerbrechen die Riegel bei Nacht und übersteigen die Mauern. Viele sind Söhne von Adligen und Kurtisanen. Es ist ein Jammer. Herr, alle diese Unschuldigen werden dem Schiffbruch und den Anbetern Mohammeds
preisgegeben. Ich sehe, wie der Sultan von Bagdad von seinem Palast aus nach ihnen späht. Ich zittre davor, daß die Seeleute sich ihrer Leiber bemächtigen, um sie zu verkaufen.
Herr, erlaube mir, mit Dir zu reden nach den Geboten der Religion. Dieser Kreuzzug der Kinder ist kein frommes Werk. Mit ihm kann man nicht das heilige Grab für die Christenheit gewinnen. Er vermehrt die Zahl der Landstreicher, die an der Grenze des erlaubten Glaubens herumirren. Unsere Priester können ihn nicht beschützen. Wir müssen glauben, daß diese armen Geschöpfe vom Bösen besessen sind. Sie laufen herdenweise auf den Abgrund zu wie die Säue im Gebirge. Wie du weißt, Herr, bemächtigt sich der Böse gern der Kinder. Einst erschien er in Gestalt eines Rattenfängers und lockte mit dem Klange seiner Pfeife alle Kleinen aus der Stadt Hameln. Wie manche erzählen, ertranken alle diese Unglücklichen im Weserfluß; andere behaupten, daß er sie im Innern eines Berges einschloß. Du mußt befürchten, daß Satan alle unsere Kinder den Martern derer entgegenführt, die nicht unseren Glauben haben. Herr, du weißt, daß es nicht gut ist, wenn der Glauben sich neugestaltet. Sobald er im feurigen Dornbusch erschien, ließest Du ihn im Tabernakel einschließen. Und als er Deinen Lippen auf Golgatha entfloh, befahlst Du, daß er in den Kelch und die Monstranz eingeschlossen