werde. Diese kleinen Propheten werden das Gebäude Deiner Kirche erschüttern. Das muß ihnen verboten werden. Willst Du die empfangen, die nicht wissen, was sie tun, ohne Rücksicht auf Deine Geweihten, die in Deinem Dienst ihre Chorhemden und Stolen trugen, die den schweren Versuchungen widerstanden, um Dich zu gewinnen? Wir müssen die Kindlein zu Dir kommen lassen, aber auf dem Wege Deines Glaubens. Herr, ich spreche mit Dir nach Deinen Geboten. Diese Kinder werden umkommen. Laß es nicht geschehen, daß unter Innocenz ein neues Blutbad unter den Unschuldigen stattfindet.
Vergib mir jetzt, mein Gott, daß ich unter der Tiara Dich um Rat gefragt habe. Mich ergreift die Greisenschwäche. Betrachte meine armen Hände . . Ich bin ein sehr alter Mann. Mein Glaube ist nicht wie der der ganz Kleinen. Das Gold dieser Zellenwände ist durch die Zeit verblichen; sie sind weiß. Der Schein Deiner Sonne ist weiß. Auch mein Kleid ist weiß, und mein verdorrtes Herz ist rein. Ich habe nach Deinem Gebot gesprochen. Es gibt Verbrechen. Es gibt sehr große Verbrechen. Es gibt Ketzereien. Es gibt sehr große Ketzereien. Mein Haupt zittert vor Schwäche: vielleicht darf man weder strafen noch lossprechen. Das vergangene Leben macht uns in unseren Entschlüssen schwanken. Ich habe nie ein Wunder gesehen. Erleuchte mich. Ist dieses ein Wunder? Welch Zeichen
hast Du ihnen gegeben. Ist die Zeit gekommen? Willst Du, daß ein sehr alter Mann, wie ich, gleich sei in seiner Weiße Deinen kleinen arglosen Kindern? Siebentausend! Wenn auch ihr Glaube unwissend ist, willst Du die Unwissenheit von siebentausend Unschuldigen bestrafen? Auch ich werde Innocenz, der Unschuldige, genannt. Herr, ich bin unschuldig wie sie. Bestrafe mich nicht in meinem hohen Alter. Die langen Jahre meines Lebens haben mich gelehrt, daß diese Herde von Kindern keinen Erfolg haben kann. Ist dies dennoch ein Wunder, Herr? Meine Zelle bleibt friedlich, wie bei anderen Andachten. Ich weiß, es ist nicht nötig, Dich anzuflehen, damit Du Dich offenbarst. Aber ich flehe zu Dir von der Höhe meines Greisenalters, von der Höhe Deines Papsttums. Belehre mich, denn ich weiß nicht. O Herr, es sind Deine kleinen Unschuldigen. Und ich, Innocenz, ich weiß nicht, ich weiß nicht.
ERZÄHLUNG DREIER KLEINER KINDER
Wir drei, Nikolaus, der nicht sprechen kann, Alain und Denis, sind hinausgezogen auf die Landstraßen, um nach Jerusalem zu ziehen. Schon lange laufen wir. Weiße Stimmen riefen uns in der Nacht. Sie riefen alle kleinen Kinder. Sie waren wie die Stimmen der Vögel, die im Winter starben. Und zuerst haben wir viele arme Vögel gesehen, die ausgestreckt auf dem gefrorenen Erdboden lagen, viele kleine Vögel mit roten Kehlen. Dann haben wir die ersten Blumen und die ersten Blätter gesehen und wir haben daraus Kreuze geflochten. Wir haben vor den Dörfern gesungen, wie wir es sonst immer zum neuen Jahre taten. Und alle Kinder kamen zu uns gelaufen. Und wir sind weitergezogen wie eine Herde. Da waren Männer, die uns fluchten, weil sie nicht den Heiland kannten. Frauen gab es, die uns am Arme festhielten und uns ausfragten und unsere Gesichter mit Küssen bedeckten. Und es gab auch gute Seelen, die uns Holznäpfe mit warmer Milch und Früchte brachten. Und alle Leute hatten Mitleid mit uns. Denn sie wissen nicht, wohin wir gehen und sie haben die Stimmen nicht gehört.
Auf der Erde gibt es dichte Wälder und Flüsse und
Gebirge und Wege voller Dornen. Und am Ende der Erde ist das Meer, über das wir bald fahren werden. Und am Ende des Meeres liegt Jerusalem. Wir haben weder Führer noch Wegweiser. Nikolaus läuft wie wir, Alain und Denis, obwohl er nicht sprechen kann, und alle Länder sind gleich und gleich gefährlich für Kinder. Überall gibt es dichte Wälder und Flüsse und Gebirge und Dornen. Aber überall werden die Stimmen mit uns sein. — Bei uns ist ein Kind, das Eustachius heißt; es ist blind geboren. Es hält die Arme immer ausgebreitet und lächelt. Wir sehen nicht mehr als er. Ein kleines Mädchen führt ihn und trägt sein Kreuz. Sie heißt Allys. Sie spricht niemals und weint niemals. Sie richtet ihre Augen immer auf die Füße Eustachius’, um ihn zu halten, wenn er strauchelt. Wir lieben alle beide. Eustachius wird die heiligen Lampen des Grabes nie sehen können. Aber Allys wird seine Hände nehmen, um mit ihnen die Steine des Grabes zu berühren.
O, wie schön sind die Dinge auf der Erde. Wir erinnern uns an nichts, weil wir nie etwas gelernt haben. Doch wir haben alte Bäume und rote Felsen gesehen. Manchmal gehen wir lange durch die Finsternis. Manchmal laufen wir bis zum Abend über helle Wiesen. Wir haben Jesu Namen in Nikolaus’ Ohren gerufen, so daß er ihn gut kennt. Aber er kann ihn nicht nennen. Er freut sich mit uns über das, was wir sehen. Denn
seine Lippen können sich zum Lachen öffnen und er streichelt unsere Schultern. Und so sind sie gar nicht unglücklich; denn Allys wacht über Eustachius und wir, Alain und Denis, wachen über Nikolaus.
Man sagte uns, daß wir in den Wäldern Menschenfresser und Werwölfe treffen würden. Das sind Lügen. Niemand hat uns erschreckt; niemand hat uns ein Leid getan. Die Einsiedler und die Kranken kommen, uns zu sehen, und die alten Frauen zünden für uns Lichter in den Hütten an. Man läßt für uns die Kirchenglocken läuten. Die Bauern erheben sich von den Äckern, um uns zu erspähen. Auch die Tiere betrachten uns und laufen nicht fort. Und seit wir unterwegs sind, ist die Sonne wärmer geworden und wir pflücken nicht mehr dieselben Blumen. Aber alle Stengel lassen sich in derselben Form flechten und unsere Kreuze sind immer frisch. So ist unsere Hoffnung groß und bald werden wir das blaue Meer sehen. Und am Ende des blauen Meeres liegt Jerusalem. Und der Heiland wird alle kleinen Kinder zu seinem Grabe kommen lassen und die weißen Stimmen in der Nacht werden fröhlich sein.