»Du hast's schon getan! Ich seh' Ihn ja mit der Himmelskrone! Die Arme breitet Er aus, die ganze Welt an Sein Herz zu ziehen! Auch mich, die arme Alte! O mein Heiland, mein Erlöser!«

Nun ward sie still; nur schwacher Dämmerschein drang noch durchs kleine Fenster. Der Knabe kniete am Bett und wagte nicht aufzustehen, um das Lämpchen anzuzünden. Die Muhme atmete so schwer. Es dauerte lange; der Kopf des kleinen Pflegers sank auf den Bettrand nieder, leichter Schlummer umfing ihn. In Haus und Hof ward es lebendig; man brachte die gefüllten Erntewagen herein. Sobald Grete einen Augenblick frei hatte, sprang sie die Treppe hinauf ins Krankenstübchen. Sie fand den Bruder schlafend; die Muhme tot mit stillen, verklärten Zügen.

Nur von Grete und Thomas ward sie schmerzlich beweint und in liebreichem Andenken behalten. Die andern meinten, sie sei eben alt und unnütz geworden, und es wäre recht gut, daß sie nicht länger zur Last gelegen habe. Niemand dachte dankbar daran, daß sie ihre Kraft dem Wohle des Hauses geopfert, und alle Kinder, vom ältesten bis zum jüngsten, zärtlich auf den Armen getragen hatte. Nach wenig Tagen ruhte ihr müder, abgezehrter Leib im Grabe. Die beiden Getreuen hätten es gern gesehen, wenn man eine schöne Steinplatte darauf gelegt hätte, aber davon wollten der Bauer und seine Frau nichts wissen. Doch ließ man ein paar Seelenmessen für sie lesen, damit sie die Qual des Fegefeuers nicht allzulange leiden müsse. Immerhin war's schlimm, daß man den Priester nicht früher geholt.

Thomas aber hatte dabei seine eigenen Gedanken, die er niemand anvertraute, nicht einmal der guten Grete. Er wußte fest und gewiß, daß Muhme Lene nicht im Fegefeuer war, sondern im Himmel bei Gott und dem HErrn Christo. Sie hatte Ihn ja selbst im Geist gesehen und ganz laut zu Ihm gerufen! Immer und immer wieder klang ihm dieser letzte Ruf in den Ohren und noch lauter im Herzen.

Eines Tages erbat er sich vom Schulmeister ein Stücklein reines Papier, saß lange damit in einem Winkel und schrieb endlich ein Verslein drauf:

»Schlaf wohl, du liebe Muhme

In deinem stillen Grab!

Nur eine Rosenblume

Ich drauf gepflanzet hab'.

Von langer Arbeit ruhet