»Wart' nur, laß mich ein wenig verschnaufen. Sieh«, fuhr sie nach einer Weile fort, »du denkst wohl, den guten Pater Thomas und die braven Brüder und Schwestern des gemeinsamen Lebens hätten alle Leute lieb gehabt? Gar nicht! Viele, besonders Priester und Mönche, haben sie beschimpft, gehaßt und verspottet.«
»Aber warum denn? Sie taten ja niemand ein Leid?«
»Nein; aber sie wußten mehr von himmlischen Dingen und lebten reiner und frömmer als die andern, waren auch so kühn, zum Himmelskönig selbst zu beten, statt zu den Heiligen. Darum hat man sie gehaßt und verachtet, und würde sie gern ausgerottet haben, wenn das Volk sie nicht so geehrt und geliebt hätte. Sieh, die zwei Knaben, Johannes und Heinrich, sind wohl auch gottseliger gewesen als die andern Mönche, und der Heiland hat sich ihnen offenbart vor andern. Das können die stolzen Priester nicht vertragen, und deshalb hat man sie verbrannt. Ihrem Leibe hat's ja weh getan, aber im Herzen haben sie himmlischen Trost gehabt; darum war's ihnen, als streue man Rosen unter ihre Füße.«
Eine Zeitlang herrschte tiefes Schweigen im Kämmerlein; dann sprach die Alte: »Halt still im Herzen, was ich dir gesagt hab'. Ich weiß, du bist kein Schwätzer! Wer weiß, wie bald du mehr davon erfährst! Jetzt leg' mich nieder, denn ich bin matt.«
Es war das letztemal gewesen, daß die Muhme lange und zusammenhängend sprach. Am andern Morgen war eine Wendung in ihrer Krankheit eingetreten; sie war müde und hinfällig an Leib und Seele; ja, zuweilen wanderte ihr Geist, so daß sie seltsame Dinge redete, und dem einsamen kleinen Pfleger bange ward.
Doch beklagte er sich gegen niemand darüber. Es hätte ihm auch nichts genützt, da die Ernte eben in vollem Gange war und alle Hände reichlich beschäftigte. Ja, man hätte wohl oft vergessen, ein Süppchen oder einen Brei für die beiden Stillen im Dachkämmerchen zu kochen, wenn es Grete nicht getan hätte. Sie war es auch, die den Vater mehrmals erinnerte, daß es wohl Zeit sei, den Priester zu holen, damit er der Kranken die Sterbesakramente reiche. Er hätt' es wohl getan, doch wollte die Mutter nichts davon wissen. »'s hat wohl Zeit, bis das Korn herein ist«, sagte sie. »Wenn der Pfaff den weiten Weg machen soll, müssen wir ihm einen guten Tisch rüsten und den Schmutz aus der Diele schaffen. Dazu hat jetzt niemand Zeit. Die Alte hat ein gar zähes Leben!«
Droben im Kämmerlein aber ward's stiller und stiller. Die Kranke litt nicht viel und lag meist mit gefalteten Händen. Eines Abends, als es schon dämmerte, fragte sie leise: »Thomas, was ist das da unten am Bettrand?«
»Das Bildchen, gute Muhme, das ich dir jenesmal aus der Stadt mitbrachte. Aber du kannst's nicht erkennen, 's ist ja fast finster.«
»O, ich seh' es wohl! Du mußt's ändern! Nimm der Mutter das Krönlein ab und setz' es dem Kinde auf.«
»Wie kann ich? 's ist ja nur gemalt.«