»So sag's, mein Bub, solang es noch Zeit ist.«
»Weißt, Muhme, den Tag, als du krank wurdest, war ich doch mit dem Vater in der Stadt.«
»Ja, Kind, ich weiß.«
»Und abends lag ich im Stroh, und die Männer am Tisch dachten wohl, ich schliefe. Da erzählt' einer was halblaut, und ich mußt' horchen, ich mocht' wollen oder nicht. Der Mann hat erzählt von zwei jungen Mönchen, Johannes und Heinrich haben's geheißen. O denk' nur, Muhme, die hat man in einem großen Feuer verbrannt, ganz lebendig! Nichts Böses haben sie getan, sind schön, fromm und brav gewesen; aber sie haben etwas geglaubt, was man nicht glauben darf! Was es war, konnt' ich nicht verstehen. Und doch haben sie sich nicht gefürchtet! Sie haben gesagt, es sei, als streue man ihnen Rosen unter die Füße! Der Mann, der's erzählte, sah sich ängstlich um, als dürfe man nicht davon reden. Ich aber mußt' bitter weinen, o so bitter; schlief aber bald darüber ein, und am Morgen dacht' ich, es sei ein Traum gewesen.«
»Hast du seither zu jemand davon gesprochen?« fragte die Kranke.
»Nein, Muhme! So was sag' ich nur dir.«
»Das ist recht! Und wenn ich nimmer da bin, sag' es Gott, und bitte Ihn, daß Er dich auf den rechten Weg führt. Jetzt zünd' das Lämpchen an, schieb mir ein Kissen untern Kopf und laß mich einen Schluck Milch trinken. Du bist noch kindisch; wenn du aber männlicher wirst, bin ich nimmer da, darum will ich dir jetzt was aus meiner Jugend erzählen. Du weißt, ich bin deines Großvaters Schwester. Wir waren arm und früh verwaist. Im Norden des Landes, bei der Stadt Zwolle, waren wir daheim. Für den Knaben sorgten Anverwandte; es ist ihm gut gegangen, und er hat endlich dies Bauerngut erworben. Mich aber nahmen fromme Frauen in ein großes Haus auf, wo ich gar stille, friedliche Jahre verlebt und viel Gutes gelernt habe. Diese Frauen waren keine Nonnen und hatten kein Gelübde getan. Freiwillig wohnten sie beisammen und nannten sich ›Schwestern des gemeinsamen Lebens‹. Gar emsig ging's bei ihnen zu. Alles, was Frauenhände nur schaffen können, hab' ich dort gelernt, und mit mir eine große Zahl armer Mägdlein, die man dort erzog. Im Hause blitzte alles vor Sauberkeit, und das Paradiesgärtlein kann kaum schöner gewesen sein als unser Garten. Wir lernten auch beten, lesen und schreiben, und wenn wir spinnen oder nähen mußten, las man uns oft vor aus dem Bibelbuch. Nicht lateinisch, sondern in der trauten Muttersprache. O wie gern hörten wir zu! Alle die schönen Geschichten von Abraham, Joseph, David und dem hochgelobten HErrn Christo, die du so gern hörst, weiß ich von jener Zeit her. Auch wenn man uns zur Kirche führte, hörten wir die liebe Muttersprache. Auf der Kanzel stand dann oft ein kleiner Mann mit gar wunderbar leuchtenden Augen, den wir alle gern hatten. Ich war noch ein sehr kleines Ding, konnt' aber doch schon verstehen, wie er uns lehrte, unsere Hoffnung allein auf den HErrn JEsum zu setzen, der für uns am Kreuz gestorben sei. Auch mahnt' er uns gar freundlich zu Lieb' und Frieden, zu Treu' und Gehorsam. Als ich größer ward, predigt' er nimmer; er verließ das Sankt Agnes-Kloster nicht mehr, war auch schon sehr alt. Sein Name war Thomas von Kempen, und du bist nach ihm genannt.«
»Ist er bei uns gewesen, als ich zur Welt kam?« fragte der Junge.
»Red' nicht so albern! Wenn er schon alt war, als ich ein klein Mädel gewesen bin, wie konnt' er da noch leben, als du in die Welt gucktest? Aber als ich dich aus dem ersten Bad hob, und deine Mutter kein freundlich Gesicht machte, weil du ein jämmerlich Büblein warst, schlugst du die Augen weit auf und sahest mich an mit wunderbar tiefem Blick, der mich an ein Auge erinnerte, in das ich vor langer Zeit gern geschaut. Ueber Nacht fiel mir's ein, daß es des Predigers Thomas Auge war, und bat den Vater, dich Thomas zu nennen.«
Erschöpft schwieg die Kranke. Der Junge aber fragte: »Ja, Muhme, das mag ein guter Mann gewesen sein, aber was hat er mit den jungen Mönchen zu tun, die man jüngst verbrannt hat?«