»Ich lern' auch!« rühmte sich das Schwesterchen. »Muhme Grete sagt mir's vor, daß ich zu Weihnachten mit singen kann. Und Mütterchen sagt, 's wird wunderschön, fast so schön wie im Himmel! Aber denke nur; meine Puppe ist weg! Ich hab' gesucht, Muhme Grete hat gesucht, und lieb Mütterlein auch! Aber sie ist ganz weg!«
»Da bin ich froh«, erwiderte Christoph lachend. »Zum Gruseln hat sie ausgesehen mit dem struppigen Wergschopf und der halben Nase!«
»Sie war aber doch mein Kind, und ich hatte sie so lieb! Ach, wenn sie doch das Christkind wiederbrächte! Vielleicht ganz gesund!«
»Ach was! Puppen sind garstig. Da lob' ich mir Waffen! O, wenn ich eine Armbrust geschenkt kriegte, da wollt' ich so brav werden wie — na, wie der Vater!«
»Das wird nimmer«, entschied das Schwesterchen. »Dietrich sagt, der sei so brav gewesen, so fromm und lieb und fleißig, fast wie ein Engel.«
»Das glaub' ich! So ist er ja noch jetzt. O, ich hab' ihn so lieb, so lieb! — Aber weißt? Jetzt wird der Kuchenteig gemacht unten in der Backstube! Komm, laß uns zusehen! Da fällt schon manchmal ein Rosinlein ab für uns!«
Ja, Thomas wollte diesmal Weihnachten feiern, wie er's einst im Fischerdorf getan. Bescheidener Wohlstand war wieder im Dorfe eingekehrt, Felder und Gärten hatten ihre Frucht gebracht; da durfte man wohl den Kindern eine Freude bereiten. Wenn er nun in der etwas engen, dumpfen Schulstube sich mit dem alten Lehrer vereint bemühte, Verse und Sprüchlein in die kleinen harten Bauernköpfe zu bringen, ach, da dachte er oft an seinen munteren Hans, an das kluge Mariechen, an alle, die er damals seine Kinder genannt! Wie mochte es ihnen wohl gehen? Waren sie treu geblieben samt ihren Eltern? Gedachten sie noch seiner oder war er vergessen? Ach, es ist schwer, vergessen zu sein von solchen, denen man sein ganzes Herz, seine ganze Kraft hingegeben hat!
Aber am Christabend herrschte eitel Freude im Dorfe und im Pfarrhaus. Das Wetter war ebenso schön als vor vielen Jahren bei jener ersten Weihnachtsfeier im Fischerdorf. Selbst von Magdeburg waren etliche herausgewandert, um das Fest mitzufeiern. Stundenlang hatte Dietrich in der Kirche gewirtschaftet, gepocht und gehämmert und unzählige Lichtlein aufgesteckt.
Als Thomas an der Spitze einer weit größeren Schar als damals in das hellstrahlende Gotteshaus einzog, konnte er nicht mitsingen, da ihm heiße Tränen über die Wangen liefen, ward aber bald ganz hingenommen von der herrlichen Feier. Gar lieblich schallten die Gesänge, frisch und freudig kamen die Antworten, aber ein viel schöneres Kindel ward gewiegt als damals im Fischerdorf! Hatte es doch Herr Burkhardt im Herbst aus Nürnberg mitgebracht! Und darüber wölbte sich ein richtiger kleiner Stall, den Dietrich in seiner Werkstatt gezimmert. Nun wußten auch die Buben, warum er sie so lange nicht eingelassen hatte. Müllers blondes Lieschen war für die Kleinen ganz gewiß ein richtiger Engel, als es Kuchen und Aepfel so freundlich austeilte. Und der fröhliche Reigen am Schluß wollte gar kein Ende nehmen, weil die Schar so groß war. Dann aber stimmte groß und klein ein Lied an, das man im Fischerdorf noch nicht gekannt:
»Vom Himmel hoch, da komm ich her,