Der Kaiser weilte damals, schwer an der Gicht leidend, in Innsbruck, ohne Heer und genügende Geldmittel bereit zu haben. Da vernahm er plötzlich, Moritz, den er mit Gunst und Ehren überladen, wiegele alles Land gegen ihn auf und ziehe in Eilmärschen nach seinem Zufluchtsort. In Schnee und bitterer Kälte mußte der kranke, alternde Mann bei Nacht übers Gebirge fliehen, während sein falscher Günstling ungehindert in Innsbruck einzog.
Doch konnte er sich dieses Triumphes nicht lange freuen. Schon zwei Jahre später fand er, gegen seinen Jugendfreund Albrecht von Brandenburg kämpfend, in der Schlacht bei Sievershausen seinen Tod.
Die gute Stadt Magdeburg erholte sich schnell von den Schäden und Leiden der Belagerung. Ringsum ward das zertretene und verwüstete Land wieder angebaut, und auch Thomas' Kirchkinder machten sich rüstig daran, ihr übel zugerichtetes Dorf wieder wohnlich zu machen. Nur waren sie gar nicht zufrieden, daß sie ihren Pfarrer nicht wiederbekommen sollten. Den wollte man in der Stadt behalten und zu hohen Ehren bringen.
Aber das war nicht nach seinem Sinn. Von klein auf zur Stille und Zurückgezogenheit geneigt, sehnte er sich wieder hinaus in Wald und Feld. »Laßt mich ziehen«, bat er mit bewegter Stimme. »Ich bin nicht ein Mann des Kampfes, sondern des Friedens. Arbeitet ihr heldenmütig in unseres HErrgotts Kanzlei, streitet in Wort und Schrift für das Evangelium, daß man's in aller Welt hört! Mich aber laßt den Einfältigen und Kleinen das Brot des Lebens bringen, wie ich's einst tat im lieben Fischerdörflein. Es muß ja auch Leute geben, die dies erwählen!« So ließ man ihn ziehen, und draußen ward er mit Jubel empfangen.
Noch ein paar Jahre lang gab es viel Streit in weltlichen und geistlichen Sachen, bis endlich der Augsburger Religionsfriede den Protestanten im deutschen Lande Glaubensfreiheit brachte. Das war dem Kaiser im Grunde zuwider, und es war ganz nach seinem Sinn, daß sein finsterer Sohn Philipp, dem er die Niederlande übergeben, dort mit Feuer und Schwert gegen die Evangelischen wütete und in wenig Jahren Tausende hinmorden ließ.
Er selbst legte bald darauf krank und entmutigt die Kaiserkrone nieder und zog sich in das Kloster St. Just zurück. Man sagt, er habe in seiner Einsamkeit versucht, viele Uhren zu ganz gleichzeitigem Schlag und Gang zu bringen. Als es ihm nicht gelang, habe er gesagt: »Ich kann nicht einmal den Gang dieser Uhren nach meinem Willen lenken, und meinte doch, den Glauben so vieler Menschenseelen nach meinem Sinne wenden zu können!«
Thomas ging die Not seines Vaterlandes tief zu Herzen, und Anna trauerte mit ihm, so oft neue Schreckenskunde eintraf! Mit desto innigerem Dank gegen Gott blickten sie auf den Wohlstand und Frieden, den Gott der Dorfgemeinde schenkte. Der Same, den Thomas so eifrig ausstreute, brachte reiche Frucht, so daß man die kleine Gemeinde einen Garten Gottes nannte. Dennoch kamen Stunden, da der Pfarrer still und traurig einherging und Blick und Gedanken ins Weite schweiften.
»Ich weiß, woran der Vater jetzt denkt«, sprach einst Christoph zu seinem Schwesterlein Elsbeth.
»Ich auch! Ans Fischerdörflein und seine Kinder dort«, erwiderte das blonde Mägdlein. »Er sagt, die wären noch braver gewesen als wir und hätten so gut gelernt.«
»Ja, weil sie nichts zu spielen hatten«, meinte Christoph; »wenn man aber solch wildes Steckenpferd hat, wie mir Dietrich gemacht, vergißt mans Lernen wohl einmal. Drum hab' ich's jetzt in Stall geschafft, und 's darf nicht eher wieder 'raus, bis ich mein Lied kann.«