Ganz erschrocken blickte Dietrich auf. »Das hätt' ich nimmer gedacht, daß du meiner überdrüssig würdest«, sprach er traurig.

»O Dietrich, sprich nicht so! Ich möchte dich nur glücklich sehen, da ich so sehr, ach, so sehr glücklich bin! Und sieh, Gottes Wort sagt ja auch: ›Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.‹«

»Als ob ich allein wäre!« rief Dietrich. »Den ganzen Tag geht's bei mir aus und ein, so daß ich den Riegel vortun muß, wenn ich mal Ruh' haben will! Und eine Gehilfin? Wozu denn? Sauber instand hält mich dein Annchen, und mein Essen hab' ich auch bei dir. Und die Jungen reißen sich drum, wer mir an der Schnitzbank oder beim Schmiedefeuer helfen darf. Wart' nur, Thomas, 's können noch Tage kommen, wo einer, der nicht für Weib und Kind zu sorgen hat, übergenug zu tun findet. Nein, als ich dich im Kahn wusch und kleidete und fütterte wie ein Kindlein, da hab' ich mich dir gelobt fürs Leben, und dabei bleibt's!«

Da schloß der Pfarrer sein treues Reiterlein in die Arme und ließ es ungestört seines Weges gehen.

Es war damals eine trübe, sorgenvolle Zeit für das evangelische Deutschland. Mit unumschränkter Gewalt und eiserner Strenge herrschte der Kaiser; ja, man sprach davon, er werde seinem Sohne, dem finsteren, grausamen Philipp, die Kaiserkrone hinterlassen. Wehe dann allen, die am Evangelium festhielten!

Magdeburg ward immer von neuem aufgefordert, das Interim anzunehmen, stand aber felsenfest bei Gottes Wort und Luthers Lehre. Da verbreitete sich die Schreckenskunde, Kurfürst Moritz, vom Kaiser gesandt, ziehe mit großem Kriegsheer heran, die widerspenstige Stadt zu belagern. Größer noch, als in der mit starken Mauern und Bollwerk umgebenen Stadt, war der Schrecken in der Umgegend. In blinder Eile flüchteten die Landbewohner hinter die schützenden Mauern. Alle Häuser taten sich gastlich auf, die Heimatlosen zu empfangen, und endlich schlossen sich die wohlverschanzten Tore vor dem anrückenden Feind.

Auch Thomas hatte mit Anna, die ein halbjähriges Töchterlein in den Armen trug, als letzter das geliebte Dorf verlassen. Dietrichs Hilfe aber war unschätzbar gewesen. Von einem Haus zum andern eilend, hatte er geraten, geholfen, und die Bauern, die alles im Stich lassen wollten, wacker gescholten.

Aber wenn auch große Mengen von Korn und allerlei Frucht in die Stadt gebracht, und viel Vieh hereingetrieben worden war, so ward es doch ein schweres Angst- und Notjahr für die vielen, vielen eng zusammengedrängten Menschen.

Aber wie stand es um Moritz, der als Liebling und rechte Hand des mächtigen Kaisers die glaubenstreue Stadt belagerte? Finster und unbefriedigt ging er einher! Was half es ihm, daß er Kurfürst von Sachsen war, wenn das ganze Volk ihm entfremdet war und ihn wohl gar für einen Verleugner des Glaubens hielt? Wer weiß, wie bald es sich wider ihn empören würde? Und warum ließ der Kaiser trotz aller seiner Bitten die gefangenen Fürsten noch nicht frei? Dazu mochte ihn sein Gewissen wohl quälen, daß er so schändlich an seinen Glaubensgenossen gehandelt. Und was würde aus Deutschland werden, wenn der grausame Spanier die Herrschaft erhielt? Nein, Karl mußte gedemütigt werden, und er allein vermochte es zu tun. Durch Verrat am Kaiser wollte er den Verrat an den Glaubensgenossen wieder gutmachen.

Nach einem Jahr der Belagerung kapitulierte Magdeburg, und Moritz hielt am 4. November 1551 seinen Einzug. Doch hielt er sich nur kurze Zeit darin auf und verfuhr mild mit den Einwohnern, da sein Sinn ihn zum Kampf gegen einen gewaltigeren Feind trieb.