Zur Himmelstür hinein.«
Dann riß er ein Stück der Silberborte ab, die sein Sonntagswams schmückte, ging still hinaus zum Kirchhof und band das Zettelchen an den Rosenstock, den er mit Grete aufs Grab gepflanzt. Nun hatte doch Muhme Lene eine Grabschrift!
Aber über Nacht kam ein Sturmwind, riß das Blättlein los und trug es hoch hinauf in die Luft, bis es in den Wolken verschwand. Am andern Tage ging der Priester am Grabe vorüber, blieb einen Augenblick stehen und lächelte über das Silberschleifchen. Da war's gut, daß die Grabschrift weg war.
Den Winter über lief der Knabe fleißig den weiten Weg zur Schule und lernte schnell und gut, was es dort zu lernen gab; es war nicht allzuviel! Kam er müde nach Hause, so dachte er sehnsüchtig an die gute Muhme, die ihm stets sein Essen warm gehalten hatte. Jetzt fand er Topf und Schüssel oft leer, und mußte mit einem Stück Brot vorliebnehmen. Dazu ward ihm alle Arbeit aufgespart, zu der sonst niemand Lust hatte. Was allen zu gering, zu schmutzig, zu langweilig war, das konnte ja der Thomas tun, der sonst zu nichts taugte. Grete konnte ihm dabei wenig helfen, da sie unterm strengen Regiment der Mutter stand.
Da war's eine rechte Erleichterung für den Jungen, als ihn der Schulmeister den Chorknaben zugesellte, die an Sonn- und Feiertagen im Dorfkirchlein singen und auch die Woche hindurch bei den Messen und Vespern am Altar dienen mußten. Hätte er das Bildchen vom Bettrand der Muhme noch gehabt, würde er sich vielleicht gewundert haben über die hohe Ehre, die man der Jungfrau Maria gönnte, während des Heilandes der Welt nur wenig gedacht wurde. Leider aber war das Bildchen zerrissen, als er's vom Holze ablösen wollte. Auch über die Predigt, die meist nur aus Heiligenlegenden, Anpreisung von Wallfahrten und Reliquien und dergleichen Dingen bestand, würde er sich gewundert haben, wenn er älter und erfahrener gewesen wäre. Ja, er dachte wirklich manchmal daran, daß Thomas von Kempen wohl anders geredet haben mochte. Aber das geschah nur selten, da träumerische Kinder meist erst spät zusammenhängender Rede folgen lernen. Dazu kam, daß die Zeit in Schule und Kirche seine beste war. Daheim hieß er nur zu oft Taugenichts, Traumtoffel oder unnützer Bengel, während Priester und Lehrer seinen Gesang und sein sittsames Betragen lobten.
Ach, daheim war's nimmer schön! Dem Vater war über den Winter die Gicht in die Beine gefahren, so daß Robert, der älteste Bruder, nun das Regiment führte. Der war ein riesenstarker Mensch, arbeitete für zwei, kommandierte aber auch die andern wie der beste General. Die ließen sich's nicht immer gefallen, so daß es oft zu Streit und Zank, ja zu hitzigen Balgereien kam, die den schüchternen Jungen mit Todesangst erfüllten. O wie gern entfloh er dann in den Frieden des Dorfkirchleins, wo die Klänge der kleinen, sehr geringen Orgel und die weichen Knabenstimmen sein trauriges Herz beruhigten und geheimnisvoll über alles Erdenleid erhoben! Hinauf zu Gott, zum Heiland und zu Muhme Lene!
Indessen ließen sich die Brüder die Tyrannei des Aeltesten nicht lange gefallen. Stand ihnen denn nicht die Welt offen? So verdingte sich der eine auf ein Schiff, das weit weg in die neuentdeckten Länder fahren wollte; der andere zog in die Stadt, um ein Handwerk zu lernen.
Da war's gut, daß Schwester Grete, deren Gemüt so weich und liebreich war, fast Manneskräfte hatte und mit Roß und Wagen meisterlich umgehen konnte. Darum überließ man ihr die Stadtfahrten an den Markttagen und gab ihr Thomas zum Gehilfen mit, so oft es sein Kirchendienst erlaubte. Das waren Freudentage für die beiden. Schon auf dem Wege schmiedeten sie Zukunftspläne. Thomas wollte sicherlich dafür sorgen, daß es seine Grete einmal sehr, sehr gut haben sollte, wenn er erst groß genug war, um Geld zu verdienen. Nimmer würde er eine Frau nehmen; Grete sollte ihm die Suppe kochen und das Gewand flicken, und abends wollten sie zusammensitzen und einander wundersame Dinge erzählen. Aber was er werden wollte, wußte er immer noch nicht. Er war allzu schüchternen Sinnes und traute sich wenig zu. Bei jedem Handwerk, das ihm Grete vorschlug, meinte er, das könne er ja sein Lebtag nicht begreifen; es sei allzu schwer.
In die Marienkirche kam er noch oft, aber das Bild war nimmer da. Ein Hagelschlag hatte es zerstört, und man hatte es durch das Bild irgend eines Heiligen ersetzt. Am Hause des Goldschmieds, dem er den Heilruf gebracht, kam er an jedem Markttag vorüber. Er sah in dem Säulengang neben der Haustür die kostbaren Waren ausgebreitet, streng bewacht von den Gehilfen. Nur aus ehrfurchtsvoller Entfernung durften Vorübergehende die glänzenden Becher, Schalen und Krüge, die goldenen, edelsteinbesetzten Armringe, Ketten, Schwertgriffe, Gürtel und Stirnbänder betrachten, denn die starke seidene Schnur, die von Säule zu Säule gespannt war, ward nur für Käufer zurückgezogen. Die Gehilfen aber priesen die prächtigen Waren mit lauter Stimme an. Thomas hatte wenig Sinn für diese Herrlichkeiten, zog aber die Mütze tief, so oft er das ernste Gesicht des Goldschmieds am Fenster der Werkstatt erblickte. Wenn sein Gruß freundlich erwidert ward, errötete er und war den ganzen Tag fröhlich, ohne recht zu wissen, warum. Noch freudiger stimmte es ihn, als er, den Blick zu den Fenstern der Wohngemächer erhebend, die liebliche junge Frau erkannte, noch zarter als am Hochzeitstag, aber mit glücklichem Lächeln ein feines Kindlein emporhaltend, damit es auf die Straße hinabblicke. Fröhlich schwenkte Thomas seine Kappe; das kleine Mägdlein aber bewegte das zierliche Händchen, wie man es zum Gruße gelehrt.
Noch mehrmals sah er es in diesem Jahre und freute sich seiner Lieblichkeit. Im nächsten Sommer aber führte es die Wärterin schon vor der Haustür auf und ab, und es jauchzte über das Marktgewühl. Da flog Thomas zu seinem Wagen, holte die allerschönste Rose aus dem Blumenkorb, bückte sich zu dem Kinde nieder und steckte sie ihm ins ausgestreckte Händchen. Da hob es das goldblonde Köpfchen, lächelte gar holdselig und küßte die gebräunte Wange des Knaben.