»Was hast du denn, Bub?« fragte die Schwester, als er atemlos wieder angerannt kam. »Bist ja feuerrot und siehst ganz verklärt aus.«

»Wie sollt' ich nicht?« rief der Junge mit strahlenden Augen. »Hat mir doch eben ein holdes Mägdlein die Wange geküßt.«

»Na, du machst mir schöne Sachen! Was gehen dich kleinen Knirps die Mägdlein an? Wie alt war's denn wohl?«

»Noch nicht zwei Jahre! Es war des Goldschmieds Töchterlein.«

Da lachte die gute Grete herzlich, faßte den Buben beim Kopf und küßte ihn, aber viel derber als das feine Kind des reichen Mannes.

3. Im Kloster.

Die Zeit verstrich. Thomas war im vierzehnten Jahr und hatte alles gelernt, was in der Dorfschule zu lernen war; ja, sogar etwas mehr, da der Lehrer ihm sehr zugeneigt war und ihn tiefer in die Anfangsgründe der lateinischen Sprache eingeführt hatte als die andern Chorknaben. Was sollte nun aus ihm werden? Zum Bauer fehlten ihm die Körperkräfte, zum Handwerk die Geschicklichkeit, zum Kaufmann die Klugheit und die Liebe zum Geld. Er hätte ja am liebsten alles verschenkt! Da blieb nur noch das übrig, was damals für den bequemsten Lebensberuf galt: »Geistlich werden!« Man fragte ihn nicht allzuviel. Als Bruder Robert eine Frau ins Haus gebracht hatte, die ihm gar nicht gewogen war, fühlte er sich vollends nicht mehr daheim, und erklärte sich bereit, in die Schule des Dominikanerklosters einzutreten. »Aber ein Mönch werd' ich nimmer«, fügte er mit großer Entschiedenheit hinzu. »Ein Leutpriester werd' ich, der sein eigen Häusel hat mit einem Gärtlein daran. Da nehm' ich die Grete mit hinein.« Nun, das würde sich alles finden. Wenn er nur einmal im Kloster war, würde ihm das bequeme Leben schon gefallen. Grete nähte ihm ein paar neue Hemden und schnürte sein kleines Bündel. Die glänzende Münze, die ihm der Goldschmied damals geschenkt, gab er ihr zum Aufheben.

Nach schwerem Abschied vom kranken Vater, von Grete und dem Grab der guten Muhme, und sehr leichtem von den andern, fuhr ihn Robert der neuen Heimat zu, wo er ihn schon angemeldet und ein Opfer in die Klosterkasse gelegt halte. Dicht vor den Toren der Stadt bildete das reiche Kloster fast ein Städtlein für sich. Da war das große Bruderhaus, das die Zellen der Mönche, die Bibliothek und den Kapitelsaal enthielt, das Abthaus, in dem der hohe geistliche Herr in fast fürstlicher Pracht lebte, das Refektorium, die Wirtschaftsgebäude, die Häuslein der Klosterknechte, die Schule und endlich die große herrliche Klosterkirche. Schattige Säulengänge, weitläufige Höfe und blühende Gärten umgaben diese Gebäude, der Felder und des Klosterwaldes außerhalb der Mauern gar nicht zu gedenken. Von all diesem Reichtum bekam Thomas jetzt nichts zu sehen. Nach kurzem Abschied von Robert führe ihn ein dienender Bruder zu einem alten, schmucklosen Hause, umgeben von einem großen, mit etlichen Bäumen bepflanzten Hof.

»Warte hier, bis die Schule aus ist«, sagte sein Begleiter, auf eine Bank zeigend, wo sich schon ein kleinerer, schwarzlockiger Junge niedergelassen hatte, der, das Antlitz in die Hände verborgen, bitterlich weinte. Das war etwas, was Thomas durchaus nicht ertragen konnte. Schon als ganz kleines Kind hatte er oft Muhme Lenes und Gretels Tränen mit seinen winzigen Händlein abgewischt. Leise trat er hinzu, ließ sich bei dem Fremden nieder und fragte schüchtern:

»Warum weinst du denn so sehr?«