Freudig faßte Thomas die derbe, braune Hand des Ritterbuben, sein Name war Dietrich, und es ward ein Bund geschlossen, der für beide folgenreicher wurde, als sie jetzt ahnten. Wären sie Mägdlein gewesen, hätten sie einander wohl gleich ihre Lebensgeschichte erzählt; Knaben aber tun das selten und erst nach lang bewährter Freundschaft. So saßen sie still nebeneinander, mit den Beinen baumelnd und der Dinge wartend, die kommen sollten.
Es dauerte auch nicht lange, da erhob sich auf den Klang eines Glöckleins Lärm im Hause; die Tür sprang auf, und die ganze Schülerschar kam herausgeflattert wie ein Schwarm freigelassener Vögel, um die kurze Erholungszeit zu genießen. Die Kleinen fingen muntere Spiele an; die Großen, Jünglinge bis zu achtzehn oder zwanzig Jahren, lustwandelten paarweise unter den Bäumen.
Am geöffneten Fenster aber zeigte sich der geschorene Kopf des Lehrers, der den Neulingen befahl, zu ihm hereinzukommen, und alsbald ein scharfes Examen mit ihnen anstellte. Bei dem wilden Schwarzkopf fiel es kläglich aus. Auf dem Burgstall, wo sein Vater hauste, hatte er sich unter Reitern und Rossen herumgetrieben, auf Eichkätzchen und Vögel Jagd gemacht, von der Zinne des Turmes in die weite Welt hinausgeschaut, oder mit den Kindern der Knechte Krieg gespielt, der nur zu oft in wilde Rauferei ausgeartet war. Wenn aber der Kaplan von der Burg gekommen war, um ihn lesen und schreiben zu lehren, war er meist nirgends zu finden gewesen. Thomas dagegen wunderte sich selbst, daß er die Fragen des Lehrers so gut beantworten konnte. Hatte er doch daheim so wenig Gelegenheit gehabt, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, daß er sich derselben kaum bewußt war. Sein deutliches Lesen, seine gute, feste Handschrift, besonders aber der tüchtige Anfang, den er im Lateinischen gemacht, erfreuten den Lehrer sichtlich. Er legte die Hand auf den blonden Kopf des bescheidenen Jungen und sagte freundlich:
»Ei, du bist ja ein ganz gelehrtes Bäuerlein! Der kleine schwarze Rittersmann aber hat noch nicht tief in die Weisheit geguckt! Ich hab' wenig Zeit für ihn, denn meine Scholaren sind alle viel weiter. Nimm du dich seiner an und sorge, daß er bald die Geheimnisse der Lese- und Schreibekunst erfaßt. Kannst du auch singen?«
»Ich denk's wohl.«
»So sing' was!«
Eine Weile besann sich der Junge, dann sang er glockenhell:
»In dulci jubilo,
Nun singet und seid froh,
Unsers Herzens Wonne