Da faßte ihn der Magister beim Ohr und sprach eindringlich: »Das glaub' ich wohl. Aber hier bist du nicht im Stall, hier bist du im Kloster. Darum sei manierlich, halt dich zum Thomas, und tue, wie er tut; sonst geht dir's übel. Horch! Es läutet zum Essen. Folget den andern zum Schulrefektorium.«

Als der Hirsebrei verzehrt war, ging's zum Nachtgebet in die Kirche und dann gleich in den Schlafsaal, wo man den beiden Neulingen zusammen eins der harten Klosterbetten anwies. Thomas war gutes Mutes; den armen Dietrich aber überkam das Heimweh gewaltig, so daß er noch lange, das Gesicht an der Schulter des Freundes bergend, vor sich hin schluchzte. Was war das für ein schlechter Ort, wo man nicht einmal ein munteres Reiterliedel singen durfte!

Wenn Thomas sich darauf gefreut hatte, in stillen Kreuzgängen oder unter schattigen Bäumen nach Herzenslust zu wandeln und zu träumen, so hatte er sich gründlich geirrt. Zum Träumen war weder Raum noch Zeit. Denn obgleich der Lehrer ein braver Mann war und kein Tyrann, so galt doch auch von dieser Schule das Wort Luthers: »Die Kinder lernten mit großer Arbeit und unmäßigem Fleiß, doch mit wenigem Nutzen.« Nicht nur für die Kirche, auch für die Schule ist Luther ein großer Reformator gewesen. Hatten die Größeren ihre Aufgaben bewältigt, mußten sie mit den Kleinen üben, und Thomas plagte sich im Schweiße seines Angesichts, um in den harten Kopf des wilden Reiterleins einiges Licht zu bringen. Nicht immer konnte er den kleinen Bengel vor der langen Rute des Lehrers bewahren, doch machte er sich wenig aus den Schlägen, wenn sie nicht allzu derb kamen. Bei den Faustkämpfen mit den Burgbuben hatte es genug Beulen und Striemen gegeben! Bestand er allzu schlecht in seiner Lektion, sperrte man ihn wohl über Mittag, während die andern zum Essen gingen, in der Schulstube ein.

Da geschah aber nachmittags regelmäßig etwas Unerwartetes. Vielleicht krachte plötzlich eine Bank zusammen, die bisher noch ganz fest gewesen war, so daß alles, was darauf saß, zu Boden purzelte. Oder es zeigten sich Tintenkleckse, wo niemand sie vermutet hätte, wohl gar auf der Rückseite des Lehrers. Zuweilen hatte auch die ganze Schar Mühe, das Lachen zu verbeißen, wenn an irgend einer Stelle, die die kurzsichtigen Augen des Magisters nicht erreichten, ein lächerliches Bildchen angemalt oder ein Verslein hingeschmiert war, das ganz und gar nicht ins Kloster paßte, als zum Beispiel:

»Rück' an den Schweinebraten,

Dazu die Hühner jung;

Darauf mag baß geraten

Ein frischer, kühler Trunk.«

Auch die damals übliche Strafe des Eselreitens mußte er oft erdulden. In einer Ecke der Schulstube stand der »Asinus«, das heißt, eine fast lebensgroße hölzerne Eselsfigur mit scharfkantigem Rücken und durch langen Gebrauch spiegelglatt geriebenen Seiten. Dieses ungefüge, rauchgeschwärzte Tier mußten faule, nichtsnutzige Schüler besteigen, und hatten schwere Mühe, sich darauf festzuhalten und zugleich die Tränen der Scham und des Schmerzes abzuwischen, die ihnen über die Wangen rollten. Purzelten sie herunter, gab es Hohngelächter und obendrein noch Schläge. Dietrich aber schwang sich gleichmütig und behende auf dies häßliche Reittier und trieb es, sobald der Lehrer den Rücken kehrte, durch allerlei komische Gebärden zum Laufen an. Das alles trug zwar dazu bei, die Schule in guter Laune zu erhalten, doch ward Dietrich mehr und mehr das schwarze Schaf in der kleinen Herde.

Im zweiten Jahre aber schien der frische Mut des Wildlings erschöpft. Er war trotz der schmalen Kost tüchtig gewachsen, trieb aber fast keinen Schabernack mehr, lernte, soviel er eben mußte, und ging still und mürrisch seines Weges. Nur dann und wann erinnerte noch ein toller Streich an seine wilde Natur. Freundschaft hatte er mit keinem geschlossen, außer mit Thomas, dem er so zugetan war, wie etwa ein kleiner gezähmter Bär seinem Herrn. Saß Thomas lesend unter einem Baum im Hofe, oder zur Winterszeit am Feuer der Schulstube, während die andern allerlei Kurzweil trieben, so geschah es manchmal, daß Dietrich sich zu seinen Füßen niederließ, das heiße Gesichtchen in seiner Kutte verbarg und nach einigem Seufzen und Stöhnen in bittere Tränen ausbrach. Ach, das arme Reiterlein hatte bitteres Heimweh nach der goldenen Freiheit und tief, tief im Herzen ein unbefriedigtes Sehnen nach Liebe und inniger Freundschaft!