Dann zog ihn Thomas an sich und sprach leise Worte zu ihm von JEsu, dem Heiland aller Welt, der auch den wilden Dietrich liebte, schützte und führte, der auch für ihn am Kreuz gestorben war und ihn ewig selig machen wollte. Er wunderte sich oft selbst, daß er zu dem Knaben ganz so sprechen konnte, wie Muhme Lene einst zu ihm geredet. Er wunderte sich auch, daß er, den man daheim so gering geachtet, hier nach und nach zu Ehren gekommen war. In der Schule ging's ihm gut; ja, der Lehrer nannte ihn nicht selten ein feines, gelehrtes Männchen. Auch beim Sangmeister war er wohl angeschrieben, und das Singen in der Kirche machte ihm Freude, wenn's nur nicht allzuviel gewesen wäre. Im Sommer ging's noch; aber im Winter war's wirklich kein Spaß, im dünnen Röcklein stundenlang, ja bis in die Nacht hinein, zu üben, bis der mehrstimmige Kunstgesang, der damals in den Niederlanden in hoher Blüte stand, fehlerlos von statten ging.

Auch während der vielen Gottesdienste froren die armen Jungen entsetzlich. Die Mönche sahen dann meist recht dick aus, als hätten sie sich unter den Kutten wohlverwahrt, wenn sie auch nicht kostbare Pelzmäntel hatten wie der Herr Abt und die andern hohen Würdenträger. Auch waren sie ja inwendig besser ausgepolstert als die armen Schüler. Dietrich, der zuzeiten heimliche Entdeckungsreisen machte, über Mauern kletternd und durch enge Guckfensterlein schlüpfend, war auch einmal in die Klosterküche geraten und hatte einen Blick getan auf die mächtigen Braten und das duftende Backwerk, das zum Anrichten bereit stand. Daß ihn einer der Köche erwischt, mit dem Holzlöffel tüchtig gedroschen und unsanft hinausgeworfen hatte, brauchte niemand zu wissen. Ja, bei solcher Kost ließ sich's schon leben!

Freilich gab's auch unter den Mönchen abgezehrte Gestalten mit unheimlich glänzenden Augen und hohlen Wangen. Das waren solche, denen es ein rechter Ernst war mit der Weltentsagung, und die durch Fasten, Wachen und Beten, ja durch allerlei selbstauferlegte Qualen Gott zu versöhnen trachteten. Wenn Thomas sie nachdenklich beobachtete, fiel ihm allerlei ein, was Muhme Lene ihm erzählt, er sah im Geist ihr friedliches Antlitz während der langen Krankheit und hörte ihren letzten Ruf: »Mein Heiland, mein Erlöser!« Aber er war noch jung, und die Zeit selbständigen Denkens war für ihn noch nicht gekommen.

Drei Jahre waren vergangen, seit Thomas und Dietrich in die Klosterschule getreten, da kam ein Herbst, der eine ganz ungewöhnlich reiche und schöne Aepfelernte brachte. Wie Purpur und Gold glänzten die Früchte in ungeheurer Menge zwischen dem dunkelgrünen Laub, während herrliches, sonniges Wetter das Reifen begünstigte. Da ward zur Freude der ganzen Schule ein voller Vakanztag angekündigt, an dem man hinausziehen und die Aepfelernte besorgen sollte. Da der Magister keine Lust hatte, an einem so lebhaften Vergnügen teilzunehmen, sondern einen wohlverdienten Ruhetag in seiner Kammer vorzog, ward die Aufsicht über die muntere Schar einigen Laienbrüdern anvertraut, die ein Auge zudrückten gegen manchen Unfug.

Ei, das war ein Jauchzen und Springen, ein Lachen und Jubeln in den weiten, von Mauern umgebenen Obstgärten! Auf hohen Leitern, auf schwankenden Aesten standen und saßen die jungen Gestalten, die schönsten Früchte sorgsam in Körbe sammelnd, die geringeren abschüttelnd, daß die Aufsammler manch derbe Kopfnuß bekamen. Aber ganz hoch oben in den Wipfeln hingen fast die schönsten! Es war schade, sie herabzuschütteln; aber wer sollte so hoch hinauf? Dietrich! Das Reiterlein! Ja, das verstand zu klettern! Wie ein Vogel wiegte es sich in den höchsten Zweigen, füllte das Körbchen und glitt damit hinab wie ein Eichkätzchen. Manchmal war's auch gar nicht herunter zu bringen, sondern saß lange droben, sehnsüchtig in die weite Welt hinausschauend. Am Mittag labte man sich an Brot, Wurst und Käse mit einem reichlichen Nachtisch von den besten Aepfeln. Es war eine angenehme Abwechslung von dem ewigen Hirsebrei und Habermus.

Nur gar zu früh neigte sich die Oktobersonne zum Untergang. Der Wagen mit den vollen Körben war schon abgefahren; die Pflücker aber trieben sich spielend, neckend, singend oder plaudernd unter den Bäumen umher, bis es die höchste Zeit zum Aufbruch war, wenn man das Abendgebet in der Kirche nicht versäumen wollte. Schnell ordnete sich der Zug. Den paarweise Wandelnden hätte niemand mehr die muntere Kurzweil angesehen, die sie eben noch getrieben.

Aber wie? Zuletzt nur einer? Wer fehlt da?

»Das Reiterlein!«

»Der Bengel sitzt wohl noch auf einem Baum und stopft sich übervoll? Dietrich! Nichtsnutz! Wildfang! Wo steckst du nur? Na warte, wenn du die Kirche versäumst!«

Keine Antwort.