»Nun, er findet schon den Weg; vielleicht ist er vorausgelaufen, um stibitzte Aepfel im Bettstroh zu verstecken!«

Aber Dietrich war nicht im Schlafsaal, nicht in der Schulstube, nicht in der Kirche; er war verschwunden. Erst am andern Morgen ward's dem Lehrer offenbart, und auch dieser hoffte noch, der Schelm habe sich irgendwo versteckt und befinde sich bei einem Haufen Aepfel ganz behaglich. Der gute Mann durchstreifte selbst die Gärten, die Höfe, die Felder, rufend und suchend, aber ganz umsonst. Ja, es blieb kein Zweifel, der Freiheitsdrang war ihm zu stark geworden, als er von den Baumwipfeln in die weite Welt guckte, und er war entflohen. Nachforschungen in der volkreichen Handelsstadt, wo täglich Scharen von Fremden zu den Toren ein- und wieder herausströmten, wo stündlich Schiffe den Hafen verließen, um in alle Welt zu ziehen, wären ganz vergeblich gewesen. Auch war Flucht aus dem Kloster zu jener Zeit nichts allzu Seltenes. Im Grunde war man froh, den Wildling los zu sein, der doch nur eine Last für die Bruderschaft geworden wäre.

Nur Thomas trauerte um den Flüchtling. Der dunkle Kopf, der sich beim Einschlafen an ihn geschmiegt, die frische Stimme, die ihn am Morgen geweckt, der dankbare Blick der schönen schwarzen Augen fehlte ihm allzusehr! Jetzt erst fühlte er, wie lieb ihm der Knabe gewesen, schloß auch mit keinem andern engere Freundschaft. Er war nun ins Jünglingsalter getreten, wo man weicher empfindet und gern träumt und schwärmt. Musik und Gesang, ja die ganze, den Sinnen schmeichelnde Art des Gottesdienstes, die Bilder, die Statuen, das geheimnisvolle Licht der ewigen Lampe, dies alles machte mehr und mehr Eindruck auf sein Gemüt. Wäre es doch vielleicht besser, sich von allen irdischen Banden loszureißen, alle Wünsche auszugeben und als frommer Bruder sein Leben im Kloster zu verbringen? Dann kamen wieder Zeiten ganz entgegengesetzter Gefühle. Er war nun fast der Gelehrteste in der Schule; nur drei oder vier machten ihm dann und wann den Rang streitig. Da regte sich der Ehrgeiz, von dem er bis jetzt nichts gewußt. Er wollte und mußte der Erste sein, und wenn er's einmal nicht war, konnte er dem, der ihn überholt, kaum ein freundlich Wort zusprechen. Es half ihm gar nichts, wenn er es dem Priester beichtete und dann lange vor dem Altar kniete, um die auferlegten Bußgebete zu sprechen. Sobald er wieder aufstand, kam's ihm schon in den Sinn, ob er wohl morgen seine Sache am besten machen würde, am aller-, allerbesten! Nun, wenn er nur erst unter den frommen Brüdern wohnte, würde das ganz von selbst anders werden.

Schneller als er gedacht verstrich die Schulzeit, und er war im Kloster. Hier aber erwartete ihn die bitterste Täuschung. Mit dem Studieren war's ganz vorbei, und die niedrigsten Dienste wurden ihm aufgetragen. Gänge und Säle fegen, Teller und Schüsseln waschen, Wasser vom Brunnen und Holz aus dem Schuppen schleppen, das war seine Arbeit, zu der er sich ungeschickt genug anstellte. Das Schlimmste aber war, daß es unter den frommen Brüdern ganz anders zuging, als er sich's vorgestellt. Statt brüderlicher Liebe herrschte nur zu oft Streit und Eifersucht, statt heiligen Ernstes leichtfertiger Scherz, statt Nüchternheit Völlerei, und ein Aufwand im Essen, der ihn oft anwiderte. Die bleichen, stillen, hohläugigen Brüder aber, die unbekümmert um dies alles ihren Weg gingen und ihrem Leibe auch die allernötigste Pflege versagten, gefielen ihm auch nicht, da er bald merkte, daß sie in geistlichem Hochmut geringschätzig auf die andern herabsahen.

Endlich mutete man ihm etwas zu, was ihm im Grunde zuwider war. Es ging ihm wie Doktor Luther; er mußte mit dem Sack auf dem Rücken von Haus zu Haus laufen, um Gaben für das Kloster zu betteln. Für das Kloster, das hinter seinen Mauern so unermeßlichen Reichtum barg! Aber das ging ihn ja nichts an; er hatte nur zu gehorchen.

Immerhin war's schön, wieder einmal unter Menschen zu kommen, die keine Kutten trugen, und die altbekannten Straßen wieder zu durchlaufen. Da war der Markt, wo er als Knabe Gemüse und Blumen verkauft; da war die Straße, wo der Goldschmied wohnte! Keine Macht der Welt hätte ihn dazu gebracht, in seinem Hause zu betteln; kaum wagte er zu den Fenstern emporzublicken. Es war alles recht still da oben; nur einmal erkannte er ein feines Köpfchen mit langen goldblonden Zöpfen. Das war das holde Mägdlein, das ihn damals geküßt. Unter den Säulen waren an Markttagen die Gold- und Silberwaren ausgebreitet wie ehemals; wenn aber der Goldschmied sich zeigte, wandte Thomas schnell das Gesicht ab. Dagegen beobachtete er oft zwei Knaben, ein paar Jahr älter als das Mägdlein, die sich spielend vor dem Hause umhertrieben oder beim Verkaufsplatz kleine Dienste taten. Einer blondhaarig, rotwangig und freundlich; der andere dunkel, feurig, mit unruhigen Augen. Wer mochten sie wohl sein?

Da die Stadt so groß, und der Bettelsack oft recht schwer war, mußte Thomas oft ein wenig ruhen auf dem Steinsitz vor einer Tür, oder auf einer Bank im Hofe. Da konnte es nicht fehlen, daß er manches Gespräch mit anhörte, das Nachbarn oder Gesellen miteinander führten. Zuweilen wurde dabei von Ketzern geredet, die hier und da in der Stadt aufgetaucht, meist aber bald auf geheimnisvolle Weise verschwunden waren. Der ärgste Ketzer schien ein Doktor Luther zu sein, der drunten im Sachsenland sein greuliches Wesen trieb. Auch im Kloster hatte man furchtbare Verwünschungen gegen ihn ausgestoßen. Was aber ein Ketzer eigentlich sei, konnte sich Thomas nicht recht vorstellen, jedenfalls etwas ganz Erschreckliches. Daß die liebe, fromme Muhme Lene eine Ketzerin gewesen, ja daß der Vers, den er ihr aufs Grab gehängt, ein rechter Ketzervers gewesen war, das ahnte er nicht.

Als er etwa zwei Jahre im Kloster war, drängten sie ihn, das Mönchsgelübde abzulegen; doch konnte er sich nicht dazu entschließen und bat immer von neuem um Aufschub. Seinen Wunsch, Leutpriester zu werden, hatte er auf Rat des Lehrers geheim gehalten. »Wenn sie merken, daß du dir's wünschest, wird sicher nichts daraus«, hatte er gesagt. »Befiehl's Gott; Er wird's wohl machen!«

Endlich ward ihm der Bettelsack abgenommen; doch konnte er sich nicht recht darüber freuen, denn als er ihn zum letztenmal geschleppt, hatte er etwas gar zu Trauriges gesehen. Aus dem Hause des Goldschmieds hatte man einen Sarg herausgetragen, dem viele Trauernde nachfolgten. Der erste war der Goldschmied selber, gebeugt und ergraut, sein holdes Töchterchen an der Hand führend. O wie bitterlich weinte das arme Kind! Die zwei Knaben folgten in langen Trauermänteln. Ja, die liebe, schöne Frau, der er damals an der Kirchtür den Lilienstengel gereicht, war gestorben? War das nicht gar zu traurig?

Doch hatte er nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn man führte ihn in die Klosterbibliothek, die er bisher nur selten betreten, und sich über die vielen Bücher, aber noch mehr über den dicken Staub, der darauf lag, gewundert hatte. Diesen Staub einmal gründlich zu entfernen, und die Bücher in gute Ordnung zu bringen, trug man nun dem Jüngling auf. So war er auf lange Zeit beschäftigt und versorgt.