Mit gewaltigem Eifer machte er sich an die Riesenarbeit und wirbelte einen so dichten Nebel auf, daß die wenigen Brüder, die noch nach Büchern fragten, ihn beim Eintreten kaum erkennen konnten. Nach und nach aber fiel ihm ein, daß Bücher nicht nur zum Abstäuben auf der Welt sind; er schlug dann und wann eins auf und sammelte allerlei Gelehrsamkeit, ohne daß das Suchen und Fragen seines Herzens dadurch gestillt wurde. Endlich aber fand er hinter einer Reihe mit uraltem Staub bedeckter Folianten einige lose zusammenhängende, vergilbte Blätter. Es schien ein Teil eines Buches zu sein, das man zerrissen. Als Thomas die dicke Staubdecke entfernt und eine darinsitzende Spinne totgetreten hatte, las er auf dem ersten Blatt deutlich den Namen: »Johann Wessel.« Stehend begann er zu lesen, ließ sich aber bald auf einen Stoß Bücher nieder und las und las! O Wunder, es war, als spräche Muhme Lene zu ihm; als erzähle sie ihm von den Schwestern des gemeinsamen Lebens und dem guten Prediger Thomas von Kempen. So, wie diese Blätter redeten, mochte er wohl gepredigt haben. »Mein Heiland, mein Erlöser!« Das war der Grundton, der sich hindurchzog. Mehrmals studierte er die Blätter durch, verbarg sie aber dann jedesmal hinter einer Reihe Bücher, die niemals gebraucht wurden. Der Inhalt schien ihm fast allzu kühn. »Nicht die Werke, der Glaube allein macht selig!« Wie konnte dieser Wessel wagen, das zu behaupten? Und doch klang es ihm süß und einladend.
Der helle Klang des Glöckleins, das zum Mittagsmahl rief, erschreckte ihn fast. Schnell warf er die Blätter in einen Winkel und wollte hinauseilen, sich am Brunnen zu waschen. Da öffnete sich die Tür, und Bruder Ignatius, einer der strengen Asketen, der nur selten am Essen teilnahm, trat herein. Sich tief neigend, sprach Thomas: »Welches Buch wünschet Ihr, ehrwürdiger Vater, daß ich's Euch herabhole und reinige?« Aber die scharfen Augen des Mönches bemerkten eine Erregtheit im Antlitz und Wesen des Jünglings, und in demselben Augenblick sah er die gesäuberten Blätter am Boden liegen. Er hob sie auf, blickte hinein und schleuderte sie in den Kamin, wo der großen Kälte wegen einige Holzscheite loderten. Hätte Thomas sich zu einem Ausruf des Bedauerns hinreißen lassen, wär's sein Unglück gewesen; doch hatte er in der Klosterzucht schweigen gelernt, bediente den Pater aufs eifrigste und öffnete ihm zuletzt mit Ehrerbietung die Tür.
Als der Winter sich zu Ende neigte, hatten sich die frommen Brüder eines Tages zur Beratung im Kapitelsaal versammelt. Da ward auch berichtet, daß der alte Leutpriester eines Fischerdorfes unweit der Stadt gestorben sei. Die Stelle gehörte dem Kloster; aber wer würde Lust haben, sie anzutreten? Das Kirchlein war klein und schlecht, das Häuschen vernachlässigt, der Garten wüst, die Gemeinde arm und nicht allzu gut angeschrieben. Da erhob sich Pater Ignatius und sprach:
»Setzet Thomas, den Bauernsohn, darauf!«
»Ist's nicht schade um ihn? Er hat einen feinen Kopf«, wandte ein Bruder ein.
»Mir aber«, fuhr Ignatius gereizt fort, »ist eine Offenbarung geworden, daß er nicht für das Kloster taugt.«
Da bat man ihn alsbald, doch ja nicht zu zürnen. Was er spreche, sei sicher vom Himmel geredet. Thomas müsse ins Fischerdorf, er möge nun wollen oder nicht.
So gab man ihm die Priesterweihe, und er hielt mit großer Andacht seine erste Messe. Seine Freude über den Beruf tat er niemand kund als Schwester Grete. Man hatte sie, seit beide Eltern gestorben waren, in Roberts Hause wenig besser gehalten als eine Magd. Nun jubelte ihr treues Herz, daß sie dem Liebling den Haushalt führen sollte. Mit ihm besuchte sie noch einmal das Grab der guten Muhme; dann ward allerlei geringer, alter Hausrat, den niemand mehr mochte, auf den Wagen geladen, und die beiden hielten still und glücklich ihren Einzug ins Leutpriesterhäuschen.
4. Der Goldschmied und sein Haus.
Als Thomas bei seiner letzten Bettelfahrt den Leichenzug vor des Goldschmieds Hause gesehen, hatte er zwar den Tod der lieblichen Frau herzlich beklagt, aber doch von der Größe und Tiefe der Wunde, die Gott in des Mannes Herz geschlagen, keine Ahnung gehabt. Der Klosterzögling wußte ja nichts von der Liebe, die zwei Herzen so verbindet, daß sie eigentlich nur ein Herz sind. Wird dies Band zerrissen, so lernt sich der Zurückbleibende wohl nach langem, heißen Kampf in Gottes Willen ergeben, doch bleibt sein Herz zerbrochen. Ein Teil ist emporgeschwebt zu Gottes Herz, das andere irrt sehnend und suchend unter den Menschen umher, die es, ach! so selten verstehen.