Der einzige irdische Trost des einsamen Mannes war das lieblich heranwachsende Töchterlein Anna, das an Leib und Seele der Mutter ähnlich zu werden versprach. Am Lehnstuhl, und später am Lager der Mutter, hatte das wohlbegabte Mägdlein lesen und schreiben und noch mancherlei Schönes und Gutes gelernt. Jetzt führte es der Vater selbst weiter, so gut er vermochte, da er sich durchaus nicht von ihm trennen wollte, und die Klosterschulen, in denen man Mägdlein höherer Stände erzog, nicht leiden konnte. Ueberhaupt mißfiel dem tätigen, tief denkenden Manne das müßige Leben der Mönche und Nonnen aufs höchste.

Damit es aber der kleinen Anna auch nicht an leiblicher Pflege und Anleitung zu häuslichen Tugenden fehlen möge, hatte der wackere Mann schon vor mehreren Jahren, als sein liebes Weib anfing zu kränkeln, die Witwe eines seiner Gehilfen ins Haus genommen. Ihren einzigen Sohn Gottfried, einige Jahre älter als Annchen, durfte sie mitbringen. Freundlich, gehorsam, sanftmütig und dabei doch männlichen, ritterlichen Sinnes, ward er der lebhaften Kleinen ein williger Spielgefährte und wackerer Beschützer. Das war der hübsche blonde Junge, den Thomas unter den Säulen gesehen. Aber wer war wohl der hitzige Schwarzkopf mit den feurigen Augen? Den hatte der Goldschmied eines Tages mit heimgebracht, und nur wenige wußten, wo und wie er ihn aufgefunden. Um es genau zu berichten, muß man ein wenig weit ausholen.

Seit dem Jahre 1519 regierte der deutsche Kaiser Karl V. über die Niederlande, die vorher unter burgundischer Herrschaft gestanden, aber wegen ihrer vielen Freiheiten und Privilegien fast für einen Freistaat gegolten hatten. Karl V. aber ward nach seines Vaters, Philipp des Schönen, Tode Erbe der Niederlande und der österreichischen Hausmacht; von seiner Mutter aber erbte er Spanien und die neuentdeckten Länder Amerikas. Mit Recht sagte man daher, in seinem Reiche gehe die Sonne nicht unter. Karl war in den Niederlanden geboren, liebte das geistig hochstehende, gewerbfleißige und biedere Volk, und ward, wenigstens in der ersten Hälfte seiner Regierung, auch von ihm geliebt. Nur die ungeheuern Geldsummen, die er von diesen seinen reichsten Untertanen als Steuern forderte, erregten zuweilen den Unwillen der Bevölkerung. Damit dieser nun nicht in offene Empörung ausarten möchte, hielt der Kaiser stets eine Macht spanischer Soldaten unter Waffen, die dem unkriegerischen Handelsvolk gewaltigen Respekt einflößten.

Als der Goldschmied einst am Hafen auf und nieder ging, um allerlei Geschäfte abzutun, war eine große Menschenmenge versammelt, um der Abfahrt eines Schiffes zuzuschauen, das eine Schar spanischer Soldaten in ihre Heimat zurückbringen sollte. Als das Fahrzeug endlich mit geschwellten Segeln dahinglitt, die Menge sich zerstreute, und der Lärm aufhörte, vernahm der Goldschmied das laute, bitterliche Weinen eines Kindes. Er schaute um sich und sah auf einem Stein einen schwarzlockigen Knaben sitzen, dessen kleiner, zarter Körper von heftigem Schluchzen erbebte, während die Tränen zwischen den vorgehaltenen Händen herausdrangen. Das war mehr, als der brave Mann ertragen konnte.

»Was fehlt dir, armes Kind?« fragte er, die Hand auf den struppigen Schwarzkopf legend.

»Was geht's Euch an?« war die mürrische Antwort. »Ihr helft mir doch nicht!«

»Gern will ich dir helfen; nur mußt du mir erst dein Leid klagen. Hast du vielleicht Hunger?«

Der Junge richtete sich auf, schüttelte den Kopf und sprach: »Aus Hunger mach' ich mir nicht viel; hab' ihn schon oft gehabt. Aber dort«, fuhr er fort, nach dem dahineilenden Schiffe zeigend, »dort fährt sie ins Heimatland, und mich hat sie verlassen! Schon oft nannte sie mich eine Last, einen Kobold, einen kleinen Teufel!«

»Wer nannte dich so?«

»Nun, meine Mutter, die den Soldaten Brot und Fleisch verkauft und viel Wein einschenkt. Sie schickte mich in die Stadt zurück, um etwas zu holen, und als ich wiederkam, war das Schiff fort.«