»Wer ist denn dein Vater?«

»Hab' nie einen gesehen! Wird wohl tot sein oder weg! Ich wollt', ich wär' auch tot und läg' im Grund; das Leben ist schlecht!«

Diese, für ein junges Kind so unnatürliche Rede ging dem wackeren Mann tief zu Herzen.

»Armes Kind!« sprach er. »Komm mit; du sollst wenigstens zu essen haben und ein Lager für die Nacht. Wie heißt du?«

»Carlos. Ich bin ein Spanier«, erwiderte der Junge stolz. »Eure häßliche Sprache hab' ich erst hier gelernt; die unsere ist viel schöner.«

Nachdem Carlos in des Goldschmieds Küche gegessen und in einem Nebenkämmerlein seinen Kummer ausgeschlafen hatte, fragte er nicht, ob er dableiben dürfe, sondern blieb eben da und war gleich daheim in den Wirtschaftsräumen des Hauses. Wenn er wollte, konnte er dem Gesinde hurtig und geschickt zur Hand gehen; wollte er nicht, so war nichts mit ihm anzufangen. Auch in der Schule, die er mit Gottfried besuchte, lernte er zuweilen mit großem Eifer, um dann wieder eine Zeitlang mürrisch und verschlossen einherzugehen. Oft zeigte er Leidenschaft und Rachsucht, dann aber wieder ein stürmisches Verlangen nach Liebe und Freundschaft.

Solange Frau Elsbeth, die holde Gemahlin des Goldschmieds, noch im Hause waltete, übten ihre sanften Ermahnungen und ihr liebreiches Wesen auch auf den kleinen Wildling einen wohltätigen Einfluß. Vor ihrer ernsten, freundlichen Rede schmolz sein Trotz; er versprach alles Gute und hielt es auch wirklich eine Zeitlang.

Als sich aber ihr Leiden verschlimmerte, hatten die Knaben keinen Zutritt mehr zu ihr; nur Annchen saß zu ihren Füßen und war nur selten zu bewegen, auf kurze Zeit ins Freie zu gehen. Bald überließ auch der Goldschmied Werkstatt und Verkaufsplatz seinen treuen Gehilfen, um sich ganz der Pflege der geliebten Kranken zu widmen. Im Haushalt aber waltete Gottfrieds Mutter nun unumschränkt und weit strenger als die nachsichtige Hausfrau. Dem stolzen Bettelbuben, dem Carlos, war sie gar nicht gewogen; war er doch in allen Stücken das Gegenteil von ihrem treuherzigen, gehorsamen Sohne. »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen«, diesen Wahlspruch wandte sie mit aller Strenge auch auf Carlos an. Hatte er die aufgetragenen Geschäfte für unter seiner Würde gehalten, nun wohl, so gab's auch keinen Platz für ihn am Tische, und sein Schüsselchen blieb leer. Dann schmiedete er wohl allerlei Fluchtpläne; aber wo sollte er hin? Arbeitete in dieser verhaßten Stadt nicht alles? Saßen nicht kleine Knaben und Mädchen auf den Steinsitzen vor den Häusern, mit allerlei mühsamer Arbeit beschäftigt? Liefen sie nicht schon am frühen Morgen scharenweise in die Spinnereien und Tuchfabriken, um sich mit den emsigen Händlein ihr Brot zu verdienen? O, wenn er wieder heim könnte nach Spanien! Er hatte eine schwache Erinnerung, daß er dort als ganz kleiner halbnackter Bube unter dunkelgrünen Bäumen im Gras gelegen, den tiefblauen Himmel angeguckt und süße Früchte gegessen hatte. Freilich war sein Hemdchen schmutzig und zerlumpt gewesen, aber das schadete ja nichts! Wie, wenn er sich auf ein Schiff schliche und erst zum Vorschein käme, wenn es weit draußen auf der See war? Aber was würde man dann mit ihm tun? Vielleicht halbtot schlagen oder gar ins Wasser werfen? Hu, wie schrecklich! Ach ja, Stolz und Mut sind nicht immer beisammen; und der kleine stolze Spanier war im Grunde ein Feigling! So blieb ihm nichts übrig, als sich mit innerlichem Groll der Zucht des Hauses zu fügen, dem er so viel verdankte.

Indessen senkte sich die schwere Wolke der Trauer, die über diesem Hause schwebte, tiefer und tiefer herab. Sehr, sehr still, aber friedlich und freundlich lag die Kranke. Ein Wort der Liebe für Mann und Kind war das einzige, was noch über ihre bleichen Lippen ging. Endlich aber ward die Sterbende unruhig; die schönen Augen blickten angstvoll umher, und oft entrang sich ein schwerer Seufzer der schwachen Brust.

Eines Morgens bat sie, ihren Beichtvater zu holen, daß er ihr die Sterbesakramente reiche. Bald stand der alte, milde Priester, der sie getauft, ihr die Erstkommunion gereicht, und sie auch dem Gemahl angetraut hatte, an ihrem Lager. Der Sitte gemäß ließ man die beiden allein. Der traurige Gatte wunderte sich nicht, daß es lange dauerte, ehe der Mann wieder herauskam, da er die heiligen Handlungen mit Ernst und Feierlichkeit zu verrichten pflegte. Endlich trat er tiefbewegt zu dem Goldschmied, reichte ihm die Hand, sprach einige teilnehmende Worte und entfernte sich. Aus dem Antlitz der Kranken aber war alle Angst verschwunden. Sie lag mit gefalteten Händen, die Lippen bewegend wie im leisen Gebet. Endlich erhob sie die lieben Augen zu dem Gemahl und sprach leise: