»Traure doch nicht zu sehr, du Inniggeliebter! Ich weiß ein wunderbares Geheimnis, das mir Pater Anselmus verriet. Ich soll es niemand sagen. Du bist niemand, denn du bist mein zweites Ich! — Mir war so bange vorm Sterben! Dich und das Kind verlassen, vor den heiligen Gott treten! O wie schwer erschien es mir! Meine Sünden ängstigten mich so sehr!«
»Deine Sünden, Geliebte? Ich weiß nichts von ihnen! Hold und rein gingst du durchs Leben, Liebe und Güte spendend«, sprach der Mann, ihre Hand streichelnd.
Sie aber schüttelte das schwache Haupt. »Gott siehet das Herz an«, sprach sie leise. »Vor Ihm, dem Heiligen, ist niemand rein! Erst wenn der Weg zu Ende geht, sieht man, wie oft man gestrauchelt hat! Der Pater verwies mich auf die Fürbitte der Heiligen, auf Almosen und Seelenmessen. Wie sollte das die Sünden tilgen? Meine Angst war groß! Da sprach er zögernd: ›Mein Kind, so wende dich zu dem größten Heiligen, zu dem HErrn Christo selber! Bete noch einmal mit mir das Agnus Dei! Der die Sünden aller Welt trug, trug auch die deinen! Der da sprach: »Es ist vollbracht!« vollbrachte auch deine Erlösung!‹ O mein Geliebter! Das brachte mir Frieden! Ich will nichts vor Gott bringen als Seines Sohnes Verdienst. Das wird Er nicht verschmähen.«
Das Sprechen hatte sie sehr ermattet. Noch ein paar Tage lag sie still und friedlich, und entschlummerte dann sanft wie ein Kind im Mutterarm.
Ueber zwei Jahre waren seitdem vergangen, aber noch immer wandelte der Goldschmied manche Nachtstunde in seinem Gemach auf und nieder, weinend und händeringend. Ach, es war ihm zumute, als sei sein Herz entzweigeschnitten, und eine Hälfte davon mit ins Grab gelegt. Die andere aber, wund, krank und blutend, mußte er nun mit sich herumtragen bis zum Ende! Ja, die erste Zeit nach dem Tode der Geliebten war keineswegs die schwerste gewesen! Ihr sanftes, seliges Scheiden hatte den Schmerz in Schranken gehalten; sein Kind, sein ganzes Haus, ja alle Freunde hatten mit ihm getrauert und sich noch oft liebend der Entschlafenen erinnert. Es war ja damals noch nicht die Zeit, da es für unpassend gilt, von den Toten zu sprechen! Dennoch war die Teilnahme nach und nach schwächer geworden. Die Freunde erlebten neues Glück und neues Leid; ja, selbst das Töchterlein ward wieder fröhlich bei Spiel und Arbeit, wenn es auch noch oft und gern von der lieben Mutter sprach. Er selbst fühlte, daß er, eben um des Kindes willen, ins tätige Leben zurücktreten müsse. So saß er wieder in der Werkstatt, mit kunstgeübter Hand neue Muster und Formen erfindend und aufzeichnend zu allerlei kostbarem Schmuck und Gerät. Geduldig schliff er die funkelnden Edelsteine und beobachtete das Schmelzen der edlen Metalle.
Aber zuweilen fuhr er auf, barg das Gesicht in die Hände, und schwere Seufzer entrangen sich seiner Brust. Ach, es war ihm gewesen, als berühre eine liebe, leichte Hand seine Schulter; als mahne ihn eine holde Stimme, doch nicht allzu eifrig und allzulange zu arbeiten. Dann sprang er auf, winkte hastig einen Gehilfen an seine Stelle, und lief, die Hände vors Gesicht schlagend, hinauf in die Wohnräume, um seinem Schmerz freien Lauf zu lassen.
Dort oben war's früher oft prächtig und lebhaft zugegangen, da viele der Fremden aus allen Ländern, die damals in Antwerpen ab- und zureisten, in van der Groots Hause Unterkunft und köstliche Bewirtung gefunden hatten. Jetzt aber war's still geworden, da nicht jeder gern in einem Trauerhause einkehrt. Nur einige deutsche Kaufleute, ernste, sinnige Männer, stellten sich noch dann und wann ein, und jeder versuchte nach seiner Weise dem Hausherrn Trost zuzusprechen. Dieser erfüllte zwar die Pflichten der Gastfreundschaft mit edlem Anstand, war aber meist froh, bald wieder mit seinem Kinde und seinem Schmerze allein zu sein.
Für Annchen war es oft recht schwer, daß der liebe Vater so lange traurig und gedrückt blieb. Gott hatte ihr ein heiteres, sonniges Gemüt gegeben, und sie hätte den Geliebten so gern, ach, so gern wieder heiter gesehen. Ach, das gute Kind hatte wochenlang tief genug getrauert, war bleich und elend geworden vor Sehnsucht nach dem Mütterlein, und hatte oft bitterlich weinend das Gesichtchen an des Vaters Brust geborgen. Das hatte ihn so gejammert, daß er ihm endlich das Geheimnis des alten Priesters verriet. Mit lieblichen Worten schilderte er ihm den himmlischen Paradiesgarten, wo die Mutter nun im Lichtkleid wandelte, in den Gesang der Engel einstimmte und mit ihnen anbetend vor dem Thron des Heilandes kniete, ganz befreit von Krankheit, Not und Schmerz! Und o Wunder! Was der Mann kaum zu glauben wagte, erfaßte das Kind sofort. Der Vater sagte es; da mußte es ja wahr sein! Es lächelte unter Tränen und sprach verwundert:
»O, warum sagst du mir das erst heute? So darf ich ja wieder fröhlich sein, wenn's lieb Mütterlein so sehr gut hat! Gelt, nun wird sie nimmer krank? Und nicht wahr, herzer Vater, uns holt Gott auch bald in den schönen Himmelsgarten?«
Des Vaters Mund sprach ein zögerndes »Ja«, aber sein Herz blieb in Unruhe und Zweifel. Nun sah er, wie das Mägdlein allmählich wieder heiter ward, sein Püppchen liebkoste, sein kleines Gartenbeet im Hofe pflegte, ja endlich den bunten Ball wieder in die Luft warf, hüpfte und jauchzte. Doch belauschte er es auch einmal, als es, vor seinem Bettchen knieend, Gott unter Tränen bat, es nun recht, recht bald in den Himmelsgarten zu holen, da es sich oft sehr, o so sehr! nach Mütterlein sehne. Das Kind glaubte des irdischen Vaters Wort! Ach, warum redete der himmlische Vater nicht auch zu ihm, damit sein gequältes Herz endlich Ruhe finde?