Einmal, es war im dritten Sommer nach dem Tode der Geliebten, trat der Goldschmied, einen Brief in der Hand, freudig erregt in das Stübchen der Haushälterin. »Sputet Euch, gute Frau Berta«, sprach er; »mir ist Kunde geworden, daß mein lieber Jugendfreund, Hans Burkhardt, der sich in Magdeburg niedergelassen hat, unsere Stadt besuchen und einige Zeit in meinem Hause verweilen will. Sorget, daß das beste Gastgemach für ihn bereit sei, und bringt auch etwas Gutes auf den Tisch. Annchen wird, wie immer, an meiner Seite sitzen; die Knaben mögen in zierlicher Kleidung aufwarten. Mein Freund ist zu ansehnlichem Reichtum gelangt, und hat, wie man sagt, einen vornehmen Haushalt.«

Alsbald entfaltete sich in dem sonst so stillen Hause eine gewaltige Tätigkeit. Ueberall, auch an Orten, die der Gast keinesfalls betreten würde, ward geputzt, gescheuert, gefegt und gelüftet. In der Küche duftete es nach allerlei guten, seltenen Dingen, und das allerbeste Tischgerät ward nach langer Ruhe ans Tageslicht gebracht und blitzblank geputzt.

Die nun vierzehnjährigen Knaben hatten die Schule verlassen, arbeiteten in der Werkstatt und leisteten nach damaliger Sitte dem Hausherrn allerlei Dienste, zu denen auch das Aufwarten bei Tische gehörte. Gottfried tat es gern und geschickt; Carlos nachlässig und mit bösem Gesicht, da er es tief unter seiner Würde hielt. Dabei war er aber nicht zu stolz, die Schüsseln heimlich zu benaschen, und manches Stück Backwerk in der Tasche verschwinden zu lassen.

Endlich kam der Gast. Ein hochgewachsener Mann mit blondem Haar und Bart, frischen Wangen und hellen, klugen, überaus freundlichen Augen. Das Wiedersehen war zwar freudig, aber auch sehr wehmütig. Nachdem der Reisende ein Bad genommen, und mit bequemem Hausgewand versehen worden war, führte ihn der Freund hinauf in das beste Gemach, den sogenannten Saal, wo der Tisch aufs zierlichste zum Abendessen gedeckt war. Hier empfing ihn auch das nun zwölfjährige liebliche Annchen mit schüchterner Verneigung. Er aber zog es an sich, drückte einen väterlichen Kuß auf die weiße Stirn und sprach zu dem ernsten Freunde:

»Da hat dir Gott ein Trostengelein gelassen. Das Kind ist ja das Ebenbild der Entschlafenen! Nun freue dich auch sein, und laß mich ein Lächeln auf deinem Angesicht sehen.«

Der Goldschmied aber schüttelte traurig das Haupt. »Wohl ist sie mir ein Trost; doch kann ich ihr die Mutter nimmer ersetzen. Mein Haar wird grau, und der Schmerz zehrt mir am Leben. Was wird aus ihr werden, wenn ich sie mutterlos verlassen muß?«

»Armer Freund«, erwiderte der Gast; »sprichst du doch, als gebe es keinen barmherzigen Gott!«

Der Wirt antwortete nicht, sondern nötigte zur Mahlzeit. Der hungrige Reisende ließ sich's wohlschmecken und erzählte dabei so frisch und fröhlich von allerlei Erlebnissen, daß alle mit Vergnügen zuhörten.

»Du hast da einen hübschen Jungen«, sagte Meister Burkhardt endlich, als beide Knaben das Gemach verlassen hatten, um den Nachtisch aus der Küche zu holen.

»Meinst du den Blonden oder den Schwarzen?«