»Ei, den Blonden! Den Schwarzen tät' ich noch heut aus dem Hause, wenn ich an deiner Stelle wäre.«

»Du bist hart! Er ist ein verlassenes Kind, und dies Haus seine einzige Zuflucht.«

»So hüte dich wenigstens vor ihm; er hat einen falschen Blick.«

Nun traten die Knaben wieder ein. Gottfried trug eine kostbare Kristallschale, worin Früchte und feines Backwerk zierlich geordnet waren; Carlos einen herrlichen Goldpokal, mit dem besten Wein gefüllt. Ganz gegen seine Gewohnheit schien er etwas befangen zu sein. Der Fußboden war blank und glatt; der Pokal groß und schwer. So konnte es geschehen, daß Carlos plötzlich ausrutschte, mit seiner Last zu Boden fiel, und der edle Wein sich über den Flur ergoß.

»Tölpel«, rief der Goldschmied erzürnt. »Aber wie? Bist du auch ein Näscher?«

Ach ja; im Fallen hatte sich der Gurt gelöst, der das Sammetwams des Jungen zusammenhielt, und aus seinen Falten und Taschen rollten etliche der herrlichsten Früchte und einige Stücke Konfekt. »Geh hinaus!« befahl der Hausherr. »Du wirst deiner Strafe nicht entgehen.«

Obgleich die Haushälterin mit Gottfrieds Hilfe die Spuren des Unfalls schnell vertilgte, war doch die heitere Stimmung gestört. Vom Nachtisch ward nur wenig gekostet, und Annchen bald aus dem Zimmer geschickt.

Als die Freunde in bequemen Armsesseln am lodernden Kaminfeuer saßen, das man auch an Sommertagen gern anzündete, kam das Gespräch bald wieder auf den schweren Kummer des Goldschmieds zurück.

»Wenn ich nur ganz gewiß wüßte«, seufzte der Trauernde, »daß es der Geliebten nun wohl ist, und daß ich sie einst wiedersehen werde, so wollte ich mich wohl trösten. Aber das ist eben das Schreckliche, daß uns die Kirche durchaus nichts Sicheres bietet. Wie kann man jemals wissen, ob man genug gegeben, gebetet und gebüßt hat? Wie kann man sich auf die Fürbitte der Heiligen verlassen, die doch auch nur Menschen waren? Es ist alles unter dunkelm Schleier verborgen! Dazu kommt, daß mein Mißtrauen gegen die Priester mehr und mehr wächst. Führen sie doch meist ein träges, unnützes, ja wollüstiges Leben. Seit der fromme alte Beichtvater meiner geliebten Frau ihr so schnell im Tode nachgefolgt ist, habe ich zu keinem mehr Vertrauen.«

»Schriebst du mir nicht, er habe sie in der letzten Not zu Christo gewiesen, und sie sei daraufhin sanft entschlafen?«