Der Goldschmied neigte zustimmend das Haupt.
»So tue ein Gleiches«, rief der Freund. »Halte dich an das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, so bist du jetzt schon im Glauben wieder mit ihr vereint.«
»Wie kann ich?« seufzte der andere. »Wie mag ich sündiger Mensch mich dem erhabenen Himmelskönig und Weltenrichter unvermittelt nahen? Und ich kenne Ihn ja nicht; ich weiß nur sehr, sehr wenig von Ihm! Ach, mein Kind sieht in harmlosem Glauben die Mutter im Paradiese wandeln, weil ich ihm die Botschaft des alten Priesters anvertraute. Aber wo vernehme ich armer Sünder die Stimme des Trostes?«
»Mein Freund«, fragte der Gast nach einigem Zögern, »bietet dein Haus wohl ein Kämmerlein, einen Winkel oder irgend ein Gelaß, wo kein neugieriges Auge, kein lauschendes Ohr zu fürchten ist?«
Der Goldschmied nickte, trat in eine Ecke des Gemachs, bückte sich nieder und drückte auf eine in der Wand verborgene Feder. Ganz geräuschlos fuhr ein Teil der Wandbekleidung zurück, und es zeigte sich eine Oeffnung, eben groß genug, einen Mann einzulassen. Beide schlüpften hindurch, und der Wirt entzündete eine kleine silberne Lampe, die einen zwar engen, aber behaglichen Raum erleuchtete. Ein Tisch, einige Sessel und ein niedriges Schränkchen bildete die ganze Einrichtung.
»Hier bewahre ich zuweilen besondere Kostbarkeiten auf«, erklärte der Freund. »Hier führe ich manch mühsame Arbeit aus, deren Kunstgriffe mir allein bekannt sind. Hier überwinde ich auch manche Stunde tiefster Trauer, wo ich niemand, ja selbst nicht mein Kind sehen mag.«
»Und hier«, erwiderte der Gast, »sollst du von nun an den größten Schatz der Welt bewahren, und den süßesten Trost für deinen Schmerz finden!«
Damit nahm er ein in Leder gebundenes Buch aus dem verschlossenen Reisesack, den er eilend aus dem Gastgemach geholt, legte es auf den Tisch und schlug den Titel auf. Es war das Neue Testament in Doktor Luthers Uebersetzung. Der Goldschmied aber erbleichte und sah sich ängstlich in dem schmalen Gelaß um, als könne doch irgendwo ein Lauscher verborgen sein.
»Um aller Heiligen willen, mein Freund; was wagst du? Weißt du nicht, daß das Lesen dieses Buches, sowie aller Schriften des deutschen Doktors und seiner Genossen in diesem Lande bei furchtbaren Strafen verboten ist? Ach, wie viele schmachten in feuchten Kerkern, wie viele starben schon durchs Schwert, durchs Feuer, ja auf noch grauenhaftere Weise, nur weil sie diese Schriften gelesen hatten!«
»Wohl weiß ich das, Geliebter! Aber ich weiß auch, daß viele Tausende den Frieden ihrer Seele und den sicheren Weg zum Himmel darin fanden. Ich weiß, daß die, die es mit dem Leben büßen mußten, nun selig ruhen in Gottes Arm und Schoß! Erlaube mir nur heute, dir an diesem sicheren Ort daraus vorzulesen; magst du das Buch dann nicht als Gastgeschenk behalten, nun, so nehm' ich's eben wieder mit! Im lieben Magdeburg ist's, gottlob! in aller Händen; und in den Kirchen wird das süße Evangelium frei gepredigt.«