Noch einmal prüfte der Hauswirt den geheimen Verschluß des Raumes, dann ließ er sich, bleich und ängstlich, aber doch erwartungsvoll, neben dem Freund nieder. Zuerst übermannte ihn die Furcht noch öfter. Er lauschte; ja, der starke, sonst so feste Mann bebte vor Angst und Erregung! Nach und nach aber, als alles still blieb, und er wußte, daß die Hausgenossen in tiefem Schlaf lagen, ward er ruhiger und hörte immer gespannter dem Freunde zu, der zuweilen das Lesen unterbrach, um einige erklärende Worte zu sprechen.

Vor dem geistigen Auge des Goldschmieds aber entfaltete sich das Bild des Gottessohnes, den er bisher für einen unnahbaren Himmelskönig und schrecklichen Richter gehalten hatte. Er sah Ihn arm und gering durchs Leben wandeln als Arzt der Kranken, als Tröster der Betrübten, als Helfer der Armen, besonders aber als Heiland der Sünder! »Fürchte dich nicht; glaube nur!« »Stehe auf, gehe hin; dein Glaube hat dir geholfen!« O welch köstliches Kleinod mochte dieser Glaube sein! Der Freund besaß ihn und nannte ihn sein höchstes Gut, für das er alles, alles, ja sogar sein Leben hinzugeben bereit sei.

So sprachen die beiden bis tief in die Nacht hinein, und ringsum war alles still. Doch nicht alles! Leise, leise hatte sich gegen Mitternacht die Tür des großen Zimmers geöffnet, und Carlos war im bloßen Hemd hereingeschlichen, ein Lämpchen in der Hand. Ach, als ihm das Naschwerk aus dem Gewand fiel, war auch ein Geldstück aus seiner Tasche gerollt, das er heimlich entwendet. Das suchte er nun ängstlich, da er wohl wußte, daß man ihn sogleich aus dem Hause jagen werde, wenn es bekannt ward, daß er nicht nur ein Näscher, sondern auch ein Dieb war. So kroch er leise, leise am Boden umher, mit dem Lämpchen leuchtend. Und, o Glück! da lag das Silberstück in einem Winkel! Horch! Was war das für ein leises Geräusch? Klang es nicht, als spräche ein Mensch ganz leise, ganz ferne? Nun, was ging es ihn an? Hatte jemand ein Geheimnis, ei, er hatte auch eins!

Geräuschlos schlüpfte er in die Kammer, die er mit Gottfried teilte, der in festem Schlafe lag. Er bückte sich in einem Winkel nieder und entfernte ein Stück des Holzgetäfels, mit dem die Wand bekleidet war. Es zeigte sich eine kleine Höhlung, die er durch Entfernung eines Mauersteins zustande gebracht. Ei, wie es darin blitzte und funkelte! Geldstücke, Klümpchen edlen Metalles, kleine wertvolle Steinchen und Perlen, Gold- und Silberfäden und Stücklein glänzender Borten, dies alles stak festgedrückt in dem Loch, als habe es ein diebischer Rabe zusammengetragen. Nachdem Carlos seine Augen daran geweidet, die Holzplatte wieder vorgeschoben und das Licht ausgelöscht hatte, huschte er ins Bett und gab sich noch lange glänzenden Träumen hin. O, wenn es nur erst reichte zur Fahrt über das Weltmeer nach den neuentdeckten Ländern! In wenig Jahren würde er ein Mann sein, und dann wollte und mußte er dort hinüber. O welche Wunderdinge erzählte man am Hafen, wo er sich so oft als möglich herumtrieb, von jenen Ländern! Welch unermeßliche Schätze gab's da zu heben! Mit welch unumschränkter Gewalt herrschten die Spanier über die Ureinwohner des Landes und rissen ihre Reichtümer an sich ohne alles Erbarmen! Freilich hörte er auch, daß viele dabei jämmerlich zugrunde gingen. Er aber würde sicher zu hohen Ehren und unermeßlichem Reichtum gelangen!

Ja, der elende Feigling Carlos hielt sich für einen großen Helden, weil er den Mut hatte, aller Zucht und Ermahnung zu trotzen. Dennoch zitterte er am andern Morgen aus Furcht vor der Strafe, die ihm der Hausherr wegen seiner Näscherei angedroht. Sie blieb jedoch aus. Des Goldschmieds Herz war viel zu bewegt, viel zu beglückt, um noch an den kleinen Zwischenfall zu denken.

Am Nachmittag aber sprach er zu seinem Gast: »Willst du mich wohl auf einen Spaziergang begleiten? Du weißt, ich hatte von jeher die Gewohnheit, fern vom Geräusch der Stadt zwischen Feldern und Gärten Erholung von der Arbeit zu suchen. Mag man darüber lächeln; ich lasse mich dadurch nicht stören. Heute habe ich ein besonderes Ziel. Weit draußen, in der Nähe des Hafens, habe ich ein altes, halbverfallenes Gemäuer erworben und lasse es zu einem Sommerhäuschen umbauen, damit Annchen sich an Blumenduft und Vogelgesang ergötzen, und die warmen Monate in frischer, freier Luft zubringen kann.«

Wacker schritten die Freunde zum Tore hinaus, und Meister Burkhardt ergötzte sich an den reichen, wogenden Feldern, den herrlichen Blumengärten und Obstpflanzungen, die man durchwandelte. Sagte man doch damals, die Niederlande seien ein einziger großer Lustgarten, weil jeder noch so kleine Landstrich wohl angebaut und sorgfältig gepflegt war. Endlich führte ein schmaler Pfad ein wenig aufwärts, und es zeigte sich zwischen allerlei Buschwerk ein kleines altertümliches Gebäude mit vorgeschobenem runden Wartturm. Eine Anzahl Männer war mit Abtragen verfallener Mauern und Ausbauen wohlerhaltener Wände beschäftigt.

»Sieh«, sprach der Goldschmied, »das ist meine kleine Burg! Ehemals sollen Strandräuber hier gehaust haben, um nahende Schiffe zu beobachten. Steige nur bis zum Türmchen empor, so wirst du dich an dem Ausblick ergötzen!«

Ja, da bot sich dem Auge ein herrliches, mannigfaltiges Bild! Am Abhang lagen die Hütten eines Fischerdorfes, aus deren Mitte sich ein altersgraues Kirchlein erhob. Auch hier war jedes Stückchen Land nutzbar gemacht, und fast jede Hütte von einem Gärtchen umgeben. Obstbäume waren angepflanzt und Wege geebnet, auch auf die Gefahr hin, daß dann und wann eine Hochflut das mühsame Werk zerstören werde. Zur Rechten erblickte man in nicht zu weiter Entfernung den Hafen mit seinen unzähligen Masten und Segeln; weiter hinaus sah man Schiffe dem Meere zueilen.

»Uebers Jahr soll's, so Gott will, wohnlicher hier aussehen«, sprach der Goldschmied, den Freund aus der Nähe der Arbeiter führend. »Da ist mein Schlößlein fertig, und Annchen soll zwischen Blumen lustwandeln. Wie wohl wird mir's tun, zuweilen das Geräusch der Stadt zu verlassen, und besonders die Sonntage hier zu verleben! Einmal besuchte ich schon das Kirchlein, und es gefiel mir ausnehmend darin. Obgleich der junge Leutpriester erst ein Jahr lang hier ist, hat er doch schon Wunder geschafft. Sieh nur, wie nett und blank sein Häuschen zwischen den jungen Obstbäumen hervorsieht! Ehemals sah's schwarz und vernachlässigt aus. Auch um die Hütten her ist alles sauberer geworden. Und seine Predigt!« fügte er leise hinzu. »Man möchte fast denken, er habe einen Blick in dein Buch getan! Hier draußen werde ich es auch recht ungestört lesen können.«