»Tue das nicht«, warnte der Freund. »Laß es ruhig in dem sicheren Versteck! Nimm es nie heraus; es sei denn, daß seine Lehren in der Stadt anerkannt werden. Bald wird sein Inhalt in deiner Seele so lebendig sein, daß du es geistigerweise immer mit dir herumträgst.« —

Vier Wochen lang weilte Hans Burkhardt in Antwerpen, den Tag über eifrig seine Geschäfte besorgend, am Abend aber den Freund immer tiefer in die tröstlichen, neues Leben schaffenden Lehren des evangelischen Glaubens einführend. Als er endlich schied, das kostbare Buch zurücklassend, war der Goldschmied ein anderer geworden. Obgleich er noch immer um die geliebte Gattin trauerte, öffnete er sein Herz doch dem himmlischen Troste. Er hatte die Stimme des Vaters gehört, und den Heiland gefunden, der dem Tode die Macht genommen hat.

5. Der Leutpriester.

Als Thomas und Grete mit ihrem Wäglein im Fischerdorf ankamen, fühlten sich beide etwas enttäuscht. Obgleich sie keinen feierlichen Empfang erwartet hatten, hofften sie doch, das Häuschen in sauberem Zustande zu finden. Aber ach, die Schaffnerin des alten Leutpriesters war eine Fremde gewesen, die sich die Reinlichkeit und Ordnungsliebe der Niederländerinnen jedenfalls nicht zum Muster genommen hatte. Ihr alter dicker Herr war ja nach und nach so stumpfsinnig geworden, daß er gar nicht mehr merkte, ob Schüssel und Teller gewaschen, ob der Fußboden gescheuert und die Fenster geputzt waren. Nur aufs Essen und Schlafen hatte er bis zuletzt gehalten, und der Bierkrug war sein bester Trost gewesen. Für wen hätte denn da die alte Lotte fegen und putzen sollen? So war im Laufe der Jahre alles gar jämmerlich vernachlässigt, und der arme Thomas stand ganz ratlos zwischen dem wackligen, verschwärzten Hausrat, der dem Kloster gehörte und wohl seit undenklichen Zeiten nicht erneuert worden war.

Grete aber verlor den Mut nicht so leicht. »Mit Händeringen und Seufzen ist nichts getan, Pater Thomas«, sagte sie lachend. »Faß tapfer zu, Brüderlein! Für heut ist's zu spät. Es ist gut, daß ich ein Abendbrot und saubere Bettstücke mitgebracht habe. Jetzt laß uns essen und schlafen; morgen aber geht's wacker an die Arbeit. Heut ist Montag; wenn's Sonntag zur Frühmesse läutet, muß alles blinken und blitzen.«

Das ward eine saure Woche! Allein hätten's die beiden nicht fertig gebracht; doch wußte man sich Hilfstruppen zu verschaffen. Das neugierige Kindervolk, das nach und nach am Gartenzaun und am Hoftor erschien, ward alsbald von Grete in den Dienst gezwungen. Unter den mitgebrachten Vorräten befand sich ein Sack gedörrter Pflaumen und Birnen, die sich als Lockspeise und Belohnung gar wohl bewährten. Blitzschnell verbreitete sich die Kunde davon im ganzen Dorf, so daß schon am dritten Tage der Andrang der Helfer fast zu groß wurde. Dennoch gab's Arbeit für alle, da nicht nur das Haus, sondern auch Hof und Garten in trübseligem Zustande war. Daheim erzählten die Kinder, wie freundlich Jungfer Grete mit ihnen gescherzt, wie ihnen der Pater die Hand aufs Haupt gelegt und die Wangen gestreichelt habe.

In der täglichen Messe war das Kirchlein recht leer gewesen, aber am Sonntag hatte sich alles versammelt, was nicht eben draußen auf dem Meere zu schaffen hatte. Als Thomas an den kleinen, mit allerlei seltsamem Schmuck behangenen Altar trat, stießen die Weiber einander mit den Ellenbogen und flüsterten: »Sie hat das Meßgewand gewaschen!« »Sie hat auch das große Loch im Aermel geflickt!« Und welch schöne, klare Stimme hatte der neue Pater! Schade nur, daß kein Mensch verstand, was er sang und las, weil ja alles lateinisch war.

Als aber der Altardienst beendet war, und der Leutpriester die Kanzel bestieg, setzten sich nach alter Gewohnheit alle zu einem Schläfchen zurecht, da sie sich unter einer Predigt ein für allemal was schrecklich Langweiliges vorstellten. Auch die Reliquien, die der alte Pater manchmal während der Predigt gezeigt hatte, kannte man schon lange. Es war ein Knochen des heiligen Sebastian, ein wenig Heu aus dem Kripplein Christi und ein ganz kleines Läppchen vom Kleide der heiligen Agnes. Aber horch! Der neue Pater sprach ja gar nicht davon, daß man Geld geben müsse, daß man fasten, wallfahrten oder gar ins Kloster gehen solle. Nein, er erzählte eine Geschichte, und zwar von dem hochgelobten Mariensohn JEsus Christus, von dem man so sehr, sehr wenig wußte. Als Er noch auf Erden wandelte, war Er einmal an einen See gekommen, der hieß Genezareth. Da hatten Schifflein am Ufer gelegen, und die Fischer waren ausgetreten und wuschen ihre Netze. »Ei, das war ja gerade wie bei uns«, dachte mancher, der sich zum Schlafen gerüstet hatte, und hob den Kopf wieder empor. Der Leutpriester aber erzählte weiter:

»Da trat Er in der Schiffe eines, das Simon Petrus gehörte, ließ es ein wenig vom Lande führen und lehrte das Volk aus dem Schiff. Als Er aufgehört hatte, sagte Er den Fischern, sie sollten die Netze auswerfen, damit sie einen Zug täten. Sie hatten zwar die ganze Nacht gearbeitet, ohne etwas zu fangen; aber weil der HErr Christus so schön gepredigt hatte, warfen sie auf Sein Wort das Netz noch einmal aus, und fingen eine große Menge Fische. Da fiel der heilige Petrus vor dem Gottessohn nieder und rief: ›HErr, gehe von mir hinaus; ich bin ein sündiger Mensch.‹ Der aber sprach: ›Folge mir nach; ich will einen Menschenfischer aus dir machen.‹ Da verließ der heilige Petrus alles und ward JEsu Jünger und der höchste von allen Aposteln, der viele Fische gefangen, das heißt, viele Menschen ins Himmelreich gebracht hat.

Ich bin kein Petrus«, fuhr der Leutpriester fort, »ich bin nur ein armer, junger Mann, der noch viel, sehr viel zu lernen hat. Dennoch spricht heute der Heiland der Welt auch zu mir: ›Ich will dich zum Menschenfischer machen.‹ Ja, ich soll euch alle lehren, für euch beten und die heiligen Handlungen am Altar verrichten, damit ihr die himmlische Seligkeit erlangt.« Und nun versicherte er so freundlich, wie gern er das alles tun wolle; nur müßten sie auch fleißig zur Kirche kommen und gern hören und lernen, auch für ihn beten. In aller ihrer Not sollten sie nur getrost zu ihm kommen; er wolle ihnen so gern raten und helfen.