Das war den armen Leuten was ganz Neues! Zum alten Leutpriester hatte sich niemand gern gewagt, es sei denn, daß er ihm Geld brachte für Seelenmessen oder irgend eine kirchliche Handlung. Geschlafen hatte diesmal keiner während der Predigt, und alle gingen heim mit der festen Ueberzeugung, daß der neue Leutpriester eine gute Errungenschaft sei.

Dennoch machten sie ihm in den ersten Jahren das Leben oft recht schwer, und setzten seinem Wirken Hindernisse in den Weg, an die er nie gedacht hatte. Ach, er war gar so kindlich, unerfahren und weltfremd! Die Schule und das Kloster war ja bisher seine Welt gewesen. Zuerst mußte er lernen, daß fast alle seine Kirchkinder einen ganz andern Gott hatten als er! Sein Gott war der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden; der Gott der armen Leutlein war das Geld! Was in der reichen Stadt unter besserer Bildung, unter allerlei Schönem und Großartigem verborgen war, das trat hier nackt und häßlich hervor. Um einen Groschen mehr zu verdienen, nahm man die Kinder aus der Schule, blieb man fern von Messe und Predigt. Man ließ den Kranken hilflos in der Hütte zurück; man schleppte den Säugling in Wind und Wetter mit hinaus, ums Geld! Um des Geldes willen lebten Nachbarn in Feindschaft; um des Geldes willen kam es zu wildem Streit, zu blutigen Wunden! Sprach Thomas ein Wort dagegen, so hieß es: »Das versteht Ihr nicht, Herr Pater! Ihr habt ja weder Weib noch Kind; und was Ihr braucht, fliegt Euch zu!«

Nun, es war herzlich wenig, was dem Leutpriester zuflog; doch verstand es Grete zu vermehren. Sie grub den verwilderten Garten um, beschnitt und düngte die Obstbäume, und baute sogar mit Hilfe des Bruders eine kleine Laube. Auf dem Hofe spreizte bald ein stolzer Hahn seine bunten Federn, und muntere Kücklein liefen den Gluckhennen nach.

Im ersten Jahre staunte man das alles verwundert an; im zweiten begann man es schon nachzuahmen. Die Kinder gruben und pflanzten um die Hütten her, und bald merkten auch die Alten, wie gut ein Gericht Kohl oder Salat zum gesottenen Fisch schmeckte, und wie ein Blumenstrauß das ganze Stübchen freundlich machte. Obgleich nun Thomas sich über dies alles freute, fühlte er doch, daß es nicht die Hauptsache sei. Nicht für den Leib seiner Leute sollte er sorgen, sondern für die Seele! Ach, diese war während der langen Amtsführung seines Vorgängers gar sehr vernachlässigt worden!

Zuerst ging Thomas in die Schule, da mit den Erwachsenen an Wochentagen gar nichts anzufangen war. Trübselig saß das kleine Volk über den Büchern und Schreibtafeln, die Stunde herbeisehnend, da es wieder im Ufersand waten und in den Wellen plätschern durfte nach Herzenslust. Es waren nur sehr junge Kinder; die älteren mußten schon beim Fischfang helfen oder den kleinen Haushalt führen. Der Schulmeister war alt und kränklich, dazu gar sehr unwissend, kannte auch kein anderes Mittel, die Kinder zu ziehen, als die Rute. Thomas aber gedachte der Zeit, da er an Winterabenden zu Muhme Lenes Füßen gesessen und ihren Erzählungen gelauscht hatte. So begann er zu reden vom schönen Paradiesgarten, von Adam und Eva, von Kain und Abel, von Noah und den vielen, vielen Tieren im Kasten. O wie hingen alle die hellen Augen an seinem Munde! Wie beweinten die Mägdlein den frommen Abel; wie ballten die Buben die kleinen Fäuste gegen den bösen Kain! Aber ganz umsonst waren die schönen Geschichten nicht zu haben. Man mußte sie verdienen durch fleißiges Lernen.

Durch alle Finsternis des Papsttums hatten sich doch noch drei scheinende Lichter erhalten: die zehn Gebote, das Apostolische Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Luther selbst sagt, diese drei Stücke seien in den Schulen noch gelernt worden, während man in den Kirchen nichts mehr davon gelehrt habe. So sprach sie auch Pater Thomas den Kindern fleißig vor, und erklärte sie ihnen so schlicht und einfältig, daß sie es wohl fassen konnten. Auch beten und singen ließ er sie; nicht lateinisch, sondern in der trauten Muttersprache, wie die liebe Muhme ihn gelehrt. Dem alten Schulmeister begegnete er so freundlich, daß er ihn liebgewann und seinen Worten lauschte, als sei er selbst noch ein Schülerlein. Die Kinder aber hingen bald wie die Kletten an dem neuen Leutpriester. Vor dem alten waren sie ausgerissen; wenn der neue durchs Dorf ging, sprangen sie ihm entgegen, hingen sich an seine Hände, und er unterhielt sich mit ihnen so eifrig, als seien es große Leute. Von ihnen erfuhr er auch, daß etwa der Großvater krank liege, die Ahne blind sei, oder das kleine Brüderchen am Fieber leide. Wer ihn dann zu dem Kranken führen durfte, war stolz und glücklich. Selten trat er mit ganz leeren Händen an ein ärmliches Lager. Eine Frucht, einen Wecken, ein paar Eier oder auch nur ein Blumensträußlein legte er gar zu gern auf die Bettdecke. Er dünkte sich ja so reich!

Aber da bekam er's mit Grete zu tun. War sie bisher allzusehr als Magd gehalten worden, so behagte ihr jetzt die Herrschaft desto besser. Daß ihr kleiner Thomas sich dagegen sträuben werde, hätte sie nie gedacht. Sie war nicht geizig; gab auch gern, wo sie wirkliche Not sah. Aber nur so zum Vergnügen heute dies, morgen jenes wegzuschenken, nein, dazu hatte man's nicht! »Du drehst den Spieß um«, schalt sie den Bruder. »Sie sollen dir geben, nicht du ihnen!« Aber es half ihr nichts. Der große Thomas war nicht mehr so fügsam als der kleine. War's nicht zu arg, daß er ein ganz gutes Bettlaken heimlich aus der Truhe genommen, die alte gelähmte Katharine selbst aus dem Bett gehoben und es ihr untergelegt hatte? Und den kleinen Hans hatte er mit Gefahr des eigenen Lebens aus dem tiefen Wasserloch geholt, in das sich der Bengel aus reinem Uebermut gewagt! Da hatte sie ernstlich gescholten; Thomas aber hatte nur dazu gelächelt.

Auch mit seinen Predigten war sie nicht ganz zufrieden; sie kosteten viel zu viel Zeit und Mühe! Selbst wenn's im Garten haufenweis zu tun gab, saß er schon am Freitag stundenlang über der lateinischen Postille, las und schrieb, oder ging mit gefalteten Händen im Stübchen auf und nieder. Und wieviel Oel verbrannte unnütz, wenn er am Samstagabend gar nicht ins Bett zu bringen war!

»Du gibst dir viel zu viel Müh' für die dummen Leut'«, sprach sie endlich. »Mach' dir's doch bequem! Hast schon längst nimmer so rote Wangen wie ehemals. Erzähl' doch eine Heiligengeschichte; das hören sie gern! Und wenn du was sagen willst, das sie nicht gern hören, so schilt ordentlich, daß man so selten zur Messe kommt und allzu knapp gibt. Dann hast du genug getan. Sieh, es war ja lieblich anzuhören, wie du letzthin vom Frieden predigtest. Ich hab' helle Zähren dabei geweint. Na, wir zwei zanken uns ja, gottlob! nimmer. Aber wie macht's das Volk? Am selbigen Abend war im Dorf der böse Streit, wo es blutige Köpfe gab! Das hast du von deiner Friedenspredigt!«

Ganz still hatte Thomas die Schwester ausreden lassen. Jetzt stand er auf, klopfte sie sachte auf die Schulter und fragte lächelnd: »Grete, wer ist denn eigentlich der Leutpriester, du oder ich?«