Da wurde sie rot und ging in die Küche.
Der Leutpriester blieb nachdenklich zurück. Waren der guten Schwester seine Predigten zu reich und tief, so schienen sie ihm selbst zu arm und leer! Jetzt, da er ganz frei war von klösterlicher Zucht und Umgebung, auch reichlich Zeit und Ruhe hatte zum Sinnen und Nachdenken, ward alles, was er in früher Jugend von Muhme Lene gelernt, alles, was er in jener Schrift Johann Wessels gelesen, wieder klar und lebendig in seinem Herzen. Die Gestalt JEsu, des einigen Heilandes, Erlösers und Seligmachers, stand oft hellstrahlend vor seinem geistigen Auge. Sollte er dies herrliche, tröstliche Bild nicht auch seinen Kirchkindern zeigen? Ach nein, das wagte er nicht! Wen man in der Kindheit allzuoft dumm, töricht, unnütz und träumerisch gescholten, der behält meist ein stilles Mißtrauen gegen sich selbst. Ach ja, Thomas hatte von klein auf vieles bewundert, geliebt und hochgeschätzt, das andere, Klügere, gering achteten. Wie, wenn es auch jetzt so wäre?
Daß die Kirche einer Erneuerung und Umwandlung bedurfte, war ihm gewiß. Aber sollte diese nicht vom römischen Stuhle, vom Statthalter Christi, den man ihm im Kloster fast als einen Gott dargestellt, ausgehen? Was erzählte man dagegen von dem Wittenberger Doktor für entsetzliche Dinge! Kein Laster war ja zu groß und zu häßlich, das man ihm nicht andichtete. Auch verbreitete man Bilder von ihm, da er mit dem Kopf nach unten von zwei gräßlichen Teufeln in die Hölle gerissen ward. Und doch verlangte Thomas im stillen danach, einmal eine der vielen Schriften dieses wunderbaren Mannes zu lesen, dessen Lehre ganze Länder samt ihren Fürsten zufielen. Es war ihm aber nie eine zu Gesicht gekommen, und er scheute sich, in der Stadt danach zu fragen. Zwar war man in letzter Zeit in der Verfolgung der Ketzer etwas matt geworden, da der Kaiser weit im Süden Krieg führte, und seine Räte allzuviel mit weltlichen Händeln zu tun hatten, doch trieb das sogenannte »geistliche Gericht« sein unheimliches Wesen in aller Stille. Hier und da verschwand ein Mann, eine Frau, ja sogar eine ganze Familie spurlos aus der Stadt, und die heilige Kirche nahm ohne weiteres Besitz von ihrem Haus und Gut. Ach, man wußte nur zu wohl, daß, wer so verschwand, nimmer wiederkehrte; ja, daß es gefährlich war, nach ihm zu fragen! Er schmachtete in irgend einer andern Provinz im finsteren Kerker, um endlich eines qualvollen Todes zu sterben. In einer kleineren Stadt mit abgeschlossener Bevölkerung würde dies unheimliche Verschwinden große Aufregung erzeugt haben. In Antwerpen aber, wo man an stetes Kommen und Gehen, an Auswanderung zu Wasser und zu Lande und stets wechselnde Bevölkerung gewöhnt war, schlossen sich diese Lücken viel leichter. Dazu war die Scheu vor der geheimnisvollen Macht der Kirche unter dem Volke noch sehr groß.
Auch dem jungen Leutpriester erschien diese Macht viel zu heilig und unwiderstehlich, als daß er gewagt hätte, sich ihr offen entgegenzusetzen. Aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Darum wies Thomas seine armen Leute gar oft zu Christo hin, ohne die Heiligen als Vermittler dazwischen zu stellen. Noch weniger scheute er sich an Kranken- und Sterbebetten, der zagenden Seele den einzig rechten Weg zum Himmel zu zeigen.
Dennoch ließ man ihn in Frieden. Pater Ignatius, der damals Johann Wessels Buch verbrannt, war bald darauf gestorben; den andern Klosterbrüdern aber war der Weg zum Fischerdorf zu weit und zu beschwerlich. Die Fische, die dem Kloster zu liefern waren, trafen viel regelmäßiger ein als ehemals. Mord und Totschlag war nimmer geschehen, seit Thomas das Amt führte. Wenn er vierteljährlich im Kloster erschien, um Bericht zu erstatten, lamentierte er nicht über allzu knappes Einkommen wie sein Vorgänger, sondern wußte nur Gutes zu erzählen, so daß der dicke Herr Abt seine Genügsamkeit hoch rühmte.
Dennoch kehrte der junge Leutpriester von diesen Besuchen im Kloster jedesmal traurig und gedrückt heim. »Ach«, dachte er, »wenn unter diesen Männern, die man für heilig hält, nur ein einziger wäre, den ich um Rat und Belehrung bitten könnte! Ich bin zu jung und unwissend, das Heil so vieler Seelen auf dem Herzen zu haben. Ich hatte es mir leichter gedacht! Ich wollte, ich wäre niemals geistlich geworden!« Wenn er aber dann sein Häuschen wiedersah, und die Dorfkinder ihr Spiel verließen, um ihm entgegen zu springen, gefiel es ihm wieder so gut!
Da der Weg zur Stadt am Schlößchen vorüberführte, hatte Thomas dem Bau oft etwas zugeschaut, und auch erfahren, daß er dem Goldschmied van der Groot gehöre. Da war's ihm warm ums Herz geworden, und seine Wangen hatten sich gerötet. Doch sagte er sich sogleich, daß der reiche Herr den armen Gärtnerbuben, dem er einst manchmal zugenickt, längst vergessen haben werde. Und das Mägdlein, das ihn damals geküßt, schwänzelte wohl schon im seidenen Schleppkleidchen einher; es mußte ja nun zwölf Jahre alt sein, wenn nicht gar dreizehn. Dennoch suchte Thomas das Goldstück, das ihm der Herr bei der Hochzeit geschenkt, hervor, putzte es blitzblank und legte es, in ein sauberes Tüchlein gehüllt, in den Kasten, wo er sein Schreibgerät verwahrte.
Eines Tages fiel's ihm auf, daß es trotz des schönsten Frühlingswetters recht still im Dörfchen war und kein Jauchzen spielender Kinder an sein Ohr drang.
»Wo steckt denn heute das kleine Gesindel?« fragte er Grete, die eifrig im Garten säete und pflanzte.
»Na, du Bücherwurm«, erwiderte sie, »hast du den Heidenlärm nicht gehört, als das ganze Chor hier vorbeirannte, hinauf zum Schlößlein? Hochbepackt mit allerlei Hausgerät sind ja droben zwei Wagen angekommen. Der Goldschmied wird wohl einziehen.«