Nun fuhren sie wieder die jetzt schon belebte Straße entlang. Der Vater freute sich, wenn jemand im Vorübergehen seine frischen Waren bewunderte; die schönen blauen Augen des blonden Knaben schweiften ins Weite.

»Na, Thomas«, begann der Vater, »'s ist das erstemal, daß du die große Stadt siehst. Nun schau brav um dich, daß du die Welt kennen lernst.«

»Wohl, Vater«, erwiderte der Junge. »Eben flog ein Vöglein auf von jenem Dache! Wie frei und leicht schwang sich's empor bis zum blauen Himmel! Wie glücklich mag's sein dort oben!«

»Dummer Bub! Vögel kannst daheim übergenug sehen! Betracht' doch die stattlichen Häuser, die Säulen, die Erker, die Schildereien an Fenstern und Türen! Sieh doch, wie emsig die Leute laufen! Ja, hier hat keiner Zeit zum Träumen! Jeder treibt sein Gewerbe, seine Kunst, seinen Handel! Jungens und Mädel in deinem Alter verdienen schon manch blankes Geldstück. Sieh dort die prächtige Kutsche! Da sitzt gewiß ein Edelmann drin oder ein reicher Kaufherr! Und guck mal die Gasse hinab! Ich will ein wenig stillhalten, daß du die vielen, vielen Masten und die flatternden Wimpel von ferne sehen kannst. Dort unten ist der Hafen; wenn du wacker hilfst, führ' ich dich nachmittags hin. Wie wirst du staunen über die Menge der Schiffe!«

»Sieh, sieh, Vater«, rief der Junge dazwischen, »das Mägdlein dort hat eine rote Nelke am Brustlatz! Just eine solche, wie auf meinem Gartenbeet blühen. Ob sie Grete wohl begießen wird?«

Der Vater schwieg. Es war nichts zu machen! Sein Jüngster blieb ein Träumer, der nimmer in die geschäftige Welt paßte! Böse konnte man dem Buben nicht sein; war er doch immer freundlich und gehorsam.

»Nun«, sagte er endlich, »halt' dich nur heute brav und geh mir wacker zur Hand.«

»Gewiß, Vater; ich hab's ja der Muhme Lene versprochen.«

Kaum war der große Marktplatz erreicht, als die Glocken der vielen Kirchen fast zu gleicher Zeit zur Frühmesse läuteten. Die beladenen Wagen wurden im sicheren Schutz bewaffneter Markthüter gelassen. Die Landleute aber eilten der nahen prächtigen Marienkirche zu; etliche wohl in aufrichtiger Andacht, andere, um Auge und Ohr zu weiden an der Pracht des Gotteshauses, dem herrlichen Orgelspiel und lieblichen Gesang der wohlgeschulten Chorknaben.

Thomas aber kniete neben dem Vater und wagte kaum zu atmen vor Staunen über etwas Wunderherrliches, von dem er kein Auge abwenden mochte. Es war ein buntes Fenster, ihm gerade gegenüber. Die Jungfrau Maria war darauf abgebildet in einem Gewand so blau wie der Himmel, das goldene Haar unter weißem Schleier hervorquellend. Auf dem Haupte trug sie eine Krone, besetzt mit Edelsteinen, die herrlich in allen Farben glänzten. In den Armen hielt sie das JEsuskindlein, klein und mager, nur mit einem Hemdchen bekleidet, aber mit wunderbar ernsten, tiefen Augen. War wirklich die Messe schon vorüber? Ja, der Gesang verstummte, das Gemurmel der Priester an den Altären hörte auf; die Lichter in den goldenen Leuchtern wurden ausgelöscht. Auf einen Rippenstoß des Vaters erhob sich der Knabe mit bösem Gewissen. Ach, er hatte ja gar nicht gebetet! Immer nur das Bild angeschaut und den Kranz von leuchtenden Sternen, der es umgab!