Aber jetzt war keine Zeit nachzudenken, denn bald war das Marktgewühl in vollem Gang. Thomas mußte, auf dem Wagen stehend, dem Vater herunterreichen, was die Frauen und Mägde zu kaufen wünschten. Oft mußt' er auch einer den schweren Korb ein paar Straßen weit nachtragen, und hatte dann viel Mühe, sich wieder zurückzufinden. Ach, ach! Einmal kam sogar eine Schar spanischer Soldaten die Gasse entlang, so daß alles, an die Häuser gedrängt, Platz machen und warten mußte. Furchtbar erschienen sie dem weltfremden Knaben mit ihren klirrenden Schwertern und blanken Spießen! Hu, wie scharf mochten die sein! Ob sie wohl schon jemand damit totgemacht hatten? Ach gewiß! Sie sahen finster und bös aus! Dennoch fand er sich immer glücklich wieder zum Vater, wenn's auch manchmal etwas lange dauerte. Wenn er so freundlich lächelnd um den Weg fragte, wies ihn keiner zurück. Ja, in seiner Tasche klingelten sogar einige kleine Geldstücke, die man ihm als Trägerlohn geschenkt.

Es war das erste Geld, das in seine Hände kam. Was konnte er wohl dafür kaufen für Muhme Lene und die Geschwister daheim? Unter den Säulenhallen in den Gassen bot man allerlei Herrlichkeiten feil, die das Landkind kaum dem Namen nach kannte. Aber dort gab's ja bunte Halstücher! Das war was für Muhme Lene. Ihr zuliebe raffte er all seinen Mut zusammen, zeigte auf eins der glänzenden Tücher und bot zwei seiner Gröschlein dafür. O weh, wie ward er ausgelacht! Feuerrot im Gesicht rannte er davon. Die Tücher waren von kostbarem Brabanter Seidenstoff! Aber sieh, da gab's Bilder, und hier hatte er mehr Glück. Für die Geschwister erhandelte er ein paar lustige Holzschnitte mit Verslein darunter; für Muhme Lene aber, o Wonne! erlangte er ein genaues, wenn auch sehr kleines Abbild des Kirchenfensters, das ihn so sehr entzückt. Wie würde sie sich freuen! Nun schnell zurück zum Vater! Aber da war wieder etwas, das seinen Blick mächtig anzog. Dort vor jenem stattlichen Hause herrschte reges Leben. Prächtige bunte Tücher hing man zu den Fenstern heraus; Blumenranken wurden in zierlichen Bogen an den Mauern befestigt, und die zur Haustür emporführenden Stufen belegte man mit einem prächtigen Teppich. Dienende Knaben und Mägde liefen geschäftig ab und zu mit verdeckten Körben, Blumenkränzen und allerlei kostbarem Gerät. Trotzdem fanden nur wenige Vorübergehende Zeit, zuzuschauen; jeder ging emsig seinem Beruf nach. Thomas aber zupfte schüchtern eine blumentragende Magd am Gewand und fragte:

»Wohnt der Kaiser in diesem Hause, daß ihr es so herrlich schmückt?«

»O du Einfalt!« rief das Mädchen. »Der Kaiser ist weit weg im Krieg! Dies Haus gehört meinem gütigen Herrn, dem Goldschmied van der Groot! Er feiert heute Hochzeit mit einer tugendsamen Jungfrau.«

Ganz erfüllt von dieser Neuigkeit sprang der Junge auf des Vaters Wagen zu, ward aber mit Scheltworten empfangen wegen seines langen Ausbleibens. Schnell eingeschüchtert schwieg er und zeigte sich doppelt emsig, um den Vater wieder freundlich zu stimmen, was ihm auch bald gelang. Um die Mittagszeit war der Wagen leer bis auf einige Blumen, und des Vaters Lederbeutel voll. Man labte sich in der Herberge an einem guten Hirsebrei und gesottenem Fisch.

Horch, da begannen die Glocken von St. Marien von neuem zu läuten.

»Warum wohl?« fragten die Tischgenossen.

»Ich weiß«, sprach Thomas errötend; »der ehrenfeste Goldschmied van der Groot macht Hochzeit mit einer tugendsamen Jungfrau. Ich sah, wie man sein Haus schmückte. O Vater, laß uns hingehen und den Zug sehen!«

Schon hatte der Vater eine rauhe Antwort auf den Lippen, als ihm einfiel, wie selten sein Kleinster etwas verlangte, während die älteren Buben, wenn er sie mit in die Stadt genommen, kein Ende gefunden hatten mit Wünschen und Betteln.

»So mach' hurtig«, sprach er, »daß wir nicht zu spät kommen.«