Im Vorbeigehen griff Thomas noch in den Blumenkorb und nahm einen schönen Lilienstengel heraus, der auf seinem Gartenbeet gewachsen war.
Als sie die Kirche erreichten, waren die Pforten schon geschlossen, aber das feine Ohr des Knaben vernahm zarten Orgelklang und lieblichen Gesang. Vor der Haupttür hatte sich eine wunderliche Gesellschaft versammelt. Alles, was blind, lahm, gebrechlich und elend war, belagerte die Stufen, die zur Kirchtür führten, in froher Erwartung der Dinge, die kommen sollten. Was aber frisch, gesund und arbeitsfähig war, blieb in bescheidener Entfernung stehen.
Horch! Da brauste die Orgel in festlichen Klängen; die Tür flog auf, zwei Herolde mit vergoldeten Stäben traten heraus, gefolgt von schöngekleideten Knaben, die aus umgehängten Beuteln Geldstücke auswarfen. Jubelnd wurden sie von den Bettlern und ihren Führern aufgesammelt. Jetzt aber erschien das edle Paar in prächtiger, mit Gold und Edelstein reichgeschmückter Kleidung. Herr van der Groot war ein stattlicher, ernster Mann mit geistvollen Zügen und wunderbar klaren blauen Augen. Sein holdes Ehegemahl war viel jünger; zart und fein von Gestalt, glich sie einer Blumenranke, die sich an den Eichbaum klammert. Als sie nun, gefolgt von edeln Gästen, feierlich durch die versammelte Menge schritten, erklang plötzlich eine hohe, helle Kinderstimme: »Heil dem ehrenfesten Goldschmied van der Groot und seinem holden Ehegemahl!« »Heil, Heil!« antwortete jubelnd die Menge, bis die Herolde Ruhe geboten. Der ernste Mann aber hatte den zarten Knaben, der den Ruf getan, wohl bemerkt. Er winkte ihm, näher zu treten. Schüchtern gehorchte Thomas und bot den Lilienstengel der lieblichen Braut, die ihn mit freundlichem Lächeln annahm.
»Du wünschest mir Heil, mein Kind«, sprach der Goldschmied; »das kommt allein von Gott. Bete zu Ihm, daß Er es über mein Haus ausschütte. Nimm dies, nicht als Almosen, nur als Andenken an diese Stunde!« Damit reichte er dem Kinde ein großes, glänzendes Goldstück.
Verwundert blickte Thomas auf. Seine ernsten Augen begegneten denen des vornehmen Mannes; dann zog ihn der Vater am Kittel zurück, und der glänzende Zug ging vorüber.
»Wie konntest du den Heilruf anstimmen vor so vielen Menschen?« fragte der Vater. »Bist ja sonst so blöde, daß du kaum ein Wort hervorbringst?«
»Ich weiß nicht, Vater. Der Mann sah so wacker aus, und die Frau so lieblich. Muhme Lene hat mir erzählt, daß einmal alle Leut' gerufen haben: ›Heil, Heil dem Kaiser!‹ Das hat mir so gut gefallen. Das Goldstück will ich wohl bewahren und tun, was mir der edle Herr gesagt hat.«
Damit war die Sache abgetan, und der Vater kam nie mehr darauf zurück.
Nun war's die höchste Zeit, nach dem Hafen zu gehen. Ja, da gab's Wunderdinge zu sehen! O welche Menge von Schiffen! Und so große waren darunter, die haushoch aus dem Wasser emporragten und sogar Guckfensterlein hatten. So weit das Auge blicken konnte, nichts als Schiffe! Manche still vor Anker liegend, andere mit geschwellten Segeln hinausziehend in die Ferne. Und dazwischen schlüpften die kleinen Fischerboote hindurch! Es war ein Wunder, daß sie nicht zerdrückt wurden. Das größte, stolzeste Fahrzeug lag weit draußen vor Anker; es war eben erst angekommen aus dem fernen Indien. Auf kleinen Kähnen wurden die Reisenden ans Land gebracht. Welch ein Getümmel war um sie her! Wie begrüßte man sie!
»Waren sie lange weg?« fragte Thomas leise. »Eine ganze Woche oder gar einen Monat?«