»Dummer Bub! Zwei Jahre sind sie weggewesen! Weit, weit weg, wo die Leut' schwarz aussehen. Guck, wie das junge Weib dem heimkehrenden Manne das feine Knäblein hinhält, daß er's liebkose! Das ist geboren, während er weg war! Vielleicht ist er als armer Mann ausgezogen und reich heimgekehrt. Gelt, das muß schön sein?«
Aber Thomas schüttelte den Kopf und sprach: »Ich tät ja sterben vor Heimweh! 's ist mir heut schon bange, daß ich in der Herberg' bleiben muß und der Muhme Lene nicht gute Nacht sagen kann.«
Von dem reichlichen Abendbrot in der Herberge mochte Thomas nur wenig genießen. Die Eindrücke des Tages hatten ihn sehr müde gemacht, so daß er froh war, als man ihm erlaubte, sich im Winkel des großen Raumes ins Stroh zu verkriechen, das dort zum Nachtlager für die Marktleute aufgeschüttet war. Besondere Gaststuben mit Betten gab es damals nur für hohe Herren.
Todmüde hatte sich der Junge hingestreckt, war aber viel zu aufgeregt, um gleich einzuschlafen. Solange die Männer am Tische laut redeten, lachten und scherzten, auch den Bierkrügen wacker zusprachen, hing er seinen Gedanken nach, ohne sich um sie zu kümmern. Schon fielen ihm die Augen zu, als man am Tische plötzlich leise und geheimnisvoll zu reden begann. Unwillkürlich lauschte Thomas nun gespannt, und was er vernahm, mußte wohl schrecklich und tiefergreifend gewesen sein, denn er weinte so sehr, daß die Tränen ins Stroh tropften, bis der blonde Kopf endlich niedersank, und fester Schlaf den müden Knaben umfing.
Ganz früh am andern Morgen weckte ihn der Vater. Hurtig mußte er alles zur Heimfahrt richten helfen, und bald trabte das Rößlein munter die Landstraße entlang. Der Vater war gutes Mutes, ließ den Jungen die Zügel halten, zog den gefüllten Lederbeutel hervor und reichte ihm einen silbernen Groschen.
»Das ist dein Lohn fürs wackere Helfen. Tu's zu dem, was dir die Leute geschenkt haben.«
»Ei, Vater, dafür hab' ich feine Bildchen gekauft für Muhme Lene und die andern daheim.«
»O du Nichtsnutz, du Dummkopf!« schalt der Vater. »Weißt du nicht, daß das Geld das Beste ist auf der Welt? All das Rennen und Laufen, all das Schaffen und Arbeiten, das du in der Stadt gesehen hast, geht ums Geld. Und du wirfst das erste, das du gewinnst, für ein paar Blättlein Papier hin!«
»Nicht für die Blättlein«, sagte der Junge schüchtern, »für die Freude, die sie daheim haben werden.«
Wie harmlos sah das Kind aus; man konnt' ihm nicht böse sein!