»Aber das Goldstück, das dir der edle Herr gab, verschleuderst du nicht, gelt?«

»Nimmer, Vater! Es ist ja ein Andenken! Täglich will ich beten um Heil und Segen für den Herrn.«

Nun waren sie draußen zwischen wogenden Kornfeldern, üppig grünen Wiesen und wohlgepflegten Gärten. O wie viel, viel schöner war's hier als zwischen den Stadtmauern! »Nie, nie will ich in der Stadt wohnen«, dachte Thomas; »man wird so müde und zuletzt hat man böse Träume. Was war es doch, das ich gestern abend träumte? Es war so traurig, daß ich weinen mußte, und jetzt hab' ich's ganz vergessen!«

Sieh, da tauchten schon die Hütten des heimatlichen Dorfes am Horizonte auf! Jetzt sah man die zwei uralten Linden, die vor des Vaters Hoftor standen. Eilig lief das brave Rößlein; es freute sich auf seinen Stall und eine Krippe voll Hafer. Und jetzt! Nein, Muhme Lene stand nicht am Tor, um ihren Liebling zu begrüßen, wie sie versprochen hatte. Wohl aber kam Grete, die älteste Schwester, heraus, mit Tränen in den freundlichen Augen. »Muhme Lene ist krank, liegt oben in ihrem Kämmerlein und mag nicht essen noch trinken.« Bald saß der Knabe am schmalen Bett im Dachkämmerchen.

Muhme Lene war sehr alt, doch hatte niemand daran gedacht, weil sie immer so munter, so freundlich und geschäftig gewesen war. Aber jetzt sah man es! Wie eingefallen waren ihre Wangen, wie spärlich das schneeweiße Haar, wie mager die abgearbeiteten Hände und Arme, die aus dem sauberen Nachtgewand hervorsahen!

Thomas wollte sie umarmen und küssen, wagte es aber nicht; sie sah so feierlich aus. Er küßte nur ihre Hand und ließ sich auf dem Kasten, der am Bett stand, nieder.

»Wo tut dir's weh, liebe Muhme? Soll Mutter nicht Salbe bringen oder einen Saft?«

»Nein, Herzensbub! Mir hilft nicht Salbe noch Saft. Schon lang fühl' ich die Kräfte schwinden, aber ich klag' nicht gern; das weißt du! 's hat ja auch keiner Zeit, darauf zu hören! Gestern brach ich zusammen am Waschfaß. Die Beine sind mir gelähmt, und auch der linke Arm. Der Hans und der Knecht mußten mich herauftragen. Ich komm nicht wieder herunter, bis man mich ins letzte Bett legt. Gelt, mein Liebling, du bleibst bei mir und pflegst mich gern?«

»O so gern! Nimmer, nimmer verlaß ich dich, gute, liebe Muhme!« rief der Knabe mit ausbrechenden Tränen. »Ich hab' dir auch was mitgebracht, was ganz Schönes.« Damit zog er das Marienbildchen aus dem Brustlatz und hielt es ihr hin.

»Dank, Dank, du guter Bub! 's ist ein fein Bild; ich hab's oft angestaunt in der Marienkirche. Doch hat's einen Fehler.«