Es war ein schöner, freundlicher Sommer für alle! Schlößlein und Leutpriesterhaus standen in stetem Verkehr, und auch in den Hütten rühmte man die Wohltätigkeit der Stadtgäste. Klein-Annchen war bald im ganzen Dorfe bekannt, da ihr das freie Umherlaufen gar wohl gefiel, nachdem man sie in der Stadt fast allzu ängstlich gehütet hatte. Mit den Alten und Kranken plauderte sie freundlich, erquickte sie wohl auch mit allerlei Leckerbissen, die sie sich selbst vom Munde absparte. Am besten gefielen ihr aber die kleinen Kinderlein, die noch in der Wiege lagen und ihr so freundlich zulachten, wenn sie das Wiegenband zog und so lieblich dazu sang:
»Dort oben auf dem Berge,
Da rauschet der Wind,
Da sitzet Maria
Und wieget ihr Kind;
Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,
Dazu braucht sie kein Wiegenband.«
Die große Nürnberger Puppe, die ihr Herr Burkhardt einmal mitgebracht, ward gegen diese lebendigen Püppchen sehr zurückgesetzt, erregte aber desto mehr die Bewunderung der kleinen Dorfmädchen, die noch nie etwas so Prächtiges gesehen hatten. Daß ihr Kopf nur von Holz, ihre früher sehr roten Wangen verblichen, ihr Näschen bestoßen, und das Werg, das die Stelle des Haares vertrat, arg verfitzt war, störte die Kleinen gar nicht. Trug sie doch ein prächtiges Brokatkleid mit langer Schleppe, ein rotes Sammetmieder, mit Goldlitzen verziert, und eine große, von Frau Bertas kundiger Hand verfertigte Spitzenhaube, die den häßlichen Wergschopf verbarg. Wenn Annchen sie spazieren trug, folgten ihr die Dorfmägdlein staunend nach, und wer sie ein wenig halten durfte, war stolz und glücklich. Je mehr aber Annchen bei Pater Thomas lernte, desto seltener kam die schöne »Adelheid« zum Vorschein. Des Kindes Geist entwickelte sich in dieser Zeit sehr schnell, und es entwuchs dem Puppenspiel.
Das Hüpfen und Springen im Freien tat ihm aber an Leib und Seele wohl; darum entfaltete sich an jedem schönen Abend munteres Leben auf dem grünen Platze zwischen Kirche und Pfarrhäuslein. Da sammelte sich die Kinderschar zu fröhlichem Reigentanz; Pater Thomas, Grete und Frau Berta, zuweilen sogar der Goldschmied saßen auf der Bank und ergötzten sich an der harmlosen Kinderlust. Annchen aber wußte immer neue Spiele anzugeben und Liedlein zu singen, die sie in vergangenen glücklichen Tagen von der Mutter gelernt. Bald schallte es im munteren Chor:
»Es sitzt eine Frau im Ringelein