Am Nachmittag, als das Fischervolk in wohlverdienter Sonntagsruhe in der milden Frühlingsluft vor den Hütten saß, wandelte der reiche Goldschmied mit dem armen Leutpriester freundlich grüßend durchs Dorf, und man sah sie lange auf und nieder gehen in eifrigem Gespräch. Mitten drin zog Thomas das Goldstück aus der Tasche und hielt es lächelnd dem Goldschmied hin, mit kurzen Worten an den Tag erinnernd, da er es erhalten. Lange betrachtete es der ernste Mann mit Tränen in den Augen. Dann reichte er Thomas die Hand und sprach:
»Aus dem sinnigen Knaben ist ein sinniger Mann geworden. Laßt uns Freunde sein, lieber Leutpriester!«
Nach dem Vespergottesdienst mußten Thomas und Grete mit hinauf ins Schlößlein kommen zur Abendkost. Annchen begrüßte den Leutpriester gar sittsam; doch flog dabei ein Lächeln über ihr Gesicht, als gedenke sie noch der lustigen Hühnerjagd. Grete war nicht zu bewegen, mit zu Tische zu sitzen; sie leistete Frau Berta in der blanken Küche Hilfe und Gesellschaft. Als Gottfried die Schüsseln abgetragen und zwei goldene Becher mit Würzwein vor die Männer gestellt hatte, entfernte er sich; Annchen aber ward vom Vater zurückgehalten.
»Ich höre, Herr Pater«, begann er, »daß Ihr Euch der Schule wacker angenommen, und wirklich einiges Licht in die harten Bubenköpfe gebracht habt. Ihr seid ein geschickter Lehrer! Darum möchte ich wegen dieses Kindes mit Euch sprechen. Ich habe es selbst unterrichtet; es ist im Deutschlesen und Schreiben wohlbewandert, zeigt auch sonst einen guten Verstand. Zwar soll es sich den Sommer über viel im Freien tummeln, muß aber doch etwas Ernstes zu tun haben, da es sonst leicht übermütig wird. Würdet Ihr es wohl im Lateinischen, worin es schon einen guten Anfang gemacht hat, ein wenig fördern? Ich schätze diese Sprache besonders hoch. Zeige doch dem Herrn Pater, was du kannst, Töchterlein! Rede ihn lateinisch an, und bitte ihn, dich zu lehren.«
»Lasset mir Zeit, Herr Vater, daß ich mich bedenke«, bat das Kind und zog sich in ein Fenster zurück.
Ein schelmisches Lächeln spielte um seinen Mund, als es nach einer Weile wieder hervortrat und einen Reim sprach, der deutsch etwa so lauten würde:
»Half ich Euch lustig die Hühner vom Garten verjagen,
Sollt Ihr Euch nun mit der schlechten Lateinerin plagen.
Ist uns das erste in munteren Sprüngen gelungen,
Wird wohl das zweite in redlicher Mühe bezwungen.«
Nun aber ward dem Kinde die Erinnerung an die verzweifelten Sprünge des Paters gar so stark, daß es in ein helles, harmloses Lachen ausbrach. Thomas ging es ebenso; doch faßte er sich schnell und berichtete dem Goldschmied kurz und schlicht das kleine Erlebnis. Das Kind aber wünschte, sich zierlich verbeugend, gute Nacht und verließ das Zimmer.
Als Gottfried in recht später Stunde mit leuchtender Fackel die bescheidenen Gäste heim geleitete, war Thomas sehr, sehr ernst geworden, so daß er das harmlose Geplauder seiner Schwester kaum beachtete.
Im Leutpriesterhäuschen ward es nun lebendiger. Zweimal in der Woche erschien das Englein, wie Grete die Tochter des Goldschmieds nannte, und blieb den ganzen Nachmittag, da die eingebrockte Milch, die es zum Abendessen gab, viel besser schmeckte als alle Leckerbissen, die ihr Frau Berta bereitete. Zuerst ward lateinische Stunde gehalten, der Grete mit Spinnrocken oder Nähzeug staunend beiwohnte; ja, sie merkte sich selbst zuweilen lateinische Worte, um den Bruder damit zu überraschen. Ward aber endlich das dicke Buch zugemacht, und das Schreibgerät weggeschoben, ließ auch sie die Hände ruhen und lauschte gespannt, wie ihr kleiner Thomas zu dem Kinde von himmlischen Dingen sprach, mutiger und klarer, als er's in der Kirche zu tun wagte, und ganz, ganz anders, als sie es von Jugend auf gehört. Aber schön und tröstlich war es; es brachte Frieden ins Herz, nahm die Sündenangst weg, und alle Furcht vor dem Tode. JEsus, der Sohn Gottes, den man ihr dargestellt als »schrecklichen Richter, auf einem Regenbogen sitzend«, erschien ihr nun als der gute Hirte, der Heiland der Sünder, der Erlöser aus aller Not. Wo mochte nur der Bruder, den sie zwar immer herzlich geliebt, aber doch für einen Träumer, für einen jungen, unerfahrenen Menschen gehalten hatte, diese wunderbare Weisheit hernehmen?