»Ich heiße Annchen«, erwiderte die Kleine. »Aber die Beete sind arg zertreten!«
»Freilich«, seufzte Thomas sorgenvoll; »was ist da zu tun?«
»Glatt machen! Gebt mir nur den Rechen! Ich kann's! Hab's daheim in meinem winzigen Gärtlein im Hofe oft getan.«
Ja, sie konnt' es so gut und flink, daß Thomas ihr staunend zusah. Als sie dann mit vereinten Kräften die Pflänzchen wieder eingesetzt, und sich am Trog die Hände gewaschen hatten, ruhten sie wie gute Gesellen auf der Bank in der Laube. Das Kind, das in der Küche still und scheu gewesen war, plauderte jetzt ganz zutraulich, da nichts so schnell verbindet, als gemeinsame Arbeit. Endlich schlug es sogar das Buch auf, das neben ihm lag.
»Das kannst du nicht lesen«, sagte Thomas, »es ist ja lateinisch.«
»O doch!« erwiderte die Kleine. »Mein Vater hat längst angefangen, mich's zu lehren; doch werd' ich im Sommer vieles vergessen. Aber horcht, Herr Pater; Muhme Berta ruft mich! Sie mag nicht gern warten.«
Noch ein zierliches Knixchen, und das Vöglein flog zum Garten hinaus.
6. Gute Freundschaft.
Am nächsten Samstag machte sich Grete viel im Kirchlein zu schaffen mit Lüften, Fegen, Abstäuben und Putzen. Thomas war wieder einmal zu gar nichts zu gebrauchen; er saß in sein Buch vertieft, und wandelte abends noch lange nachdenklich auf und nieder. Er meinte, der Goldschmied werde wohl das ärmliche Kirchlein gar nicht betreten, sondern die Frühmesse in der Stadt besuchen, ehe er sich auf den Weg machte. Aber er war doch da, und blickte während der Predigt mit seinen großen traurigen Augen so forschend zur Kanzel empor, daß es Thomas fast ein wenig ängstlich ums Herz ward. Wie, wenn er von den Priestern der Marienkirche beauftragt wäre, nach Ketzerei zu suchen? Doch faßte er sich schnell und war bald so vertieft in seine Predigt, daß er den fremden Zuhörer ganz vergaß. Zuerst hatte er schlicht und kurz die Geschichte von dem Schäflein erzählt, das in die Dornen fiel, und von dem guten Hirten gesucht, gefunden und auf der Achsel heimgetragen wurde. Dann sprach er von den Dornen der Sünde, in denen wir alle von Natur verstrickt liegen. Da griff er tapfer ins Leben ein und zeigte dem Fischervolk ganz unverzagt die Sünden, die sie besonders gefangen hielten. Selbst heraushelfen konnten sie sich nicht durch Messe hören, fasten, beten, Almosen geben. Sie verstrickten sich nur tiefer in die Dornen, indem sie meinten, Gott einen Dienst zu tun mit solchen äußerlichen Werken. JEsus allein sei der gute Hirte, der das Schäflein sicher heraushebt und heimträgt in den Stall, das heißt, ins Himmelreich. »Ja, Er trägt es! Es braucht nicht etwa blutend und mühsam nebenher zu laufen. Es muß sich nur tragen lassen! Der Hirte schert ihm auch nicht die Wolle ab, um sich bezahlt zu machen für seine Hilfe! O nein; das Schäfchen braucht gar nichts zu tun oder zu geben. Im Gegenteil; der Hirte hat es gewiß gefüttert, geliebkost und ihm im Stall ein warmes Lager bereitet. Aber gelt, es wird ihm dankbar gewesen sein? Es ist gewiß nicht sobald wieder davongelaufen, sondern gehorsam dem Hirten nachgefolgt und hat auf seine Stimme gehört. Seht, so kommen auch die guten Werke ganz von selbst, lustig und ohne Zwang, wenn man nur erst durch den Glauben JEsu Schäflein geworden ist.«
Das Schlafen während der Predigt hatten sich die Fischersleute ziemlich abgewöhnt, und nur noch wenige waren ganz stumpf und gleichgültig geblieben. Etliche horchten gespannt und sichtlich bewegt; andere blickten sich verstohlen um, ob nicht etwa ein zorniges Mönchsgesicht in irgend einem Winkel zu sehen sei. Denn daß Thomas anders dachte und lehrte als die Klosterleute, hatten sie längst gemerkt. Jedenfalls aber lebte sich's auch besser mit ihm, als mit seinem geizigen, habsüchtigen Vorgänger. Der hatte die Schäflein zwar nicht getragen, aber das Scheren sehr wohl verstanden! Einige musterten auch den vornehmen Gast mit forschenden Blicken. Aber er sah aus, als gefalle ihm die Rede wohl, als sei sie so recht nach seinem Sinn!