»Laßt sie doch«, rief Grete, als die Pflegerin ängstlich nachlaufen wollte. »Draußen im Sonnenschein ist's lustiger für das Kind, als zwischen uns zwei alten Weibern! Seht, da schlüpft es schon in den Garten. Mein Bruder ist drinnen; der mag Kinder allzu gern!«
»Ja, seht«, fuhr die Gesprächige fort, »von meinem Jungen wollt' ich erzählen. Das ist ein Prachtbub! Sechzehn Jahre alt und größer als ich! Und wie klug und geschickt im Handwerk! Meister Groot nannt' ihn neulich einen kleinen Künstler! Klein ist er ja nimmer, aber noch gar kindlichen Gemütes. Ihr werdet ihn oft sehen, denn er hält sich auch Sonntags am liebsten zu seinem Herrn und zu dem Kinde. Der andere aber, der Carlos, der Spanier, das ist ein Nichtsnutz. Hab' in einer Woche mehr Verdruß mit ihm, als mir mein Bub im ganzen Jahre macht. Hat rein nichts gelernt, trotzdem er die Schul' und die Lehre gehabt hat wie sein Kamerad. In der Werkstatt tat er nur Schaden! Jetzt dient er in Haus und Hof, macht aber auch da noch viel Verdruß. Der Herr ist allzu gut: er hätt' ihn längst fortjagen sollen. ›Du nimmst noch ein Ende mit Schrecken‹, sag' ich oft zu ihm, und, was gilt's, ich behalte recht!«
Nach diesem Herzenserguß vertieften sich die beiden Frauen wieder in häusliche Angelegenheiten, fanden viel Wohlgefallen aneinander, und freuten sich schon auf häufige Zusammenkünfte beim Spinnrocken und Nähzeug. —
»Mach' ja die Gartentür fein zu, daß das Hühnervolk nicht hereinkommt«, hatte Grete zu dem Bruder gesagt, als er mit Hacke und Rechen bewaffnet hinausgegangen war. Daß er ein Buch unterm Rocke trug, ahnte sie nicht. Die vordere Tür gewissenhaft schließend, ging er mit großem Eifer an die Arbeit, und gönnte sich erst nach einer Stunde ein wenig Rast bei seinem lateinischen Buche, das auf der Bank in der kleinen Laube lag. Hier draußen studierte sich's prächtig, besonders am Vormittag, wenn Grete in der Küche gut aufgehoben war. Gedankenvoll ließ er das Buch sinken, und den Blick über den Garten schweifen.
Aber was war denn das? Auf den frischbepflanzten Beeten wimmelte es ja von jungen Hühnerchen, die mit viel Geschick wieder herauskratzten, was er eben gepflanzt! Vater Hahn und drei Hennen sahen wohlgefällig dem Zerstörungswerk zu. Wie waren sie nur hereingekommen? Ach, es gab ja auch noch eine hintere Gartentür, und die hatte Thomas, als er ein paar Hände voll Unkraut hinauswarf, weit offen gelassen. O weh, o weh! Was würde Grete sagen? Nun jagte er die Hühner, aber nicht gegen die offene, sondern gegen die geschlossene Tür, aus einem Winkel in den andern. Im ganzen Garten rannten sie herum, gerieten sogar über sein Buch und versuchten es von der Bank zu zerren.
Atemlos vertrieb der Leutpriester die Unverschämten, und bemerkte plötzlich, daß er einen Kampfgenossen bekommen hatte. Eine helle, schlanke Gestalt war wie durch Zauberei erschienen, flog wie ein Vöglein die Wege auf und nieder und wußte mit ihrem buntseidenen Schürzchen, ja mit den langen Bändern, die ihre blonden Zöpfe schmückten, die kleine freche Gesellschaft so geschickt zu scheuchen, daß sie endlich in Reih' und Glied durch die weitgeöffnete Vordertür abzog. Erhitzt stand das Kind dem Manne gegenüber, faßte sich aber sofort, neigte sich zierlich und sprach den gewohnten Gruß:
»Gelobt sei JEsus Christ!«
»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte Thomas mechanisch.
Er wußte jetzt, wer das Mägdlein war! Vor elf Jahren hatte er ihm die Rose gebracht, und es hatte ihn geküßt! Ja, wenn er nicht schon heiß und rot gewesen wäre, würde er's jetzt geworden sein. Aber er war ja ein geweihter Priester; was ging ihn das Kind an?
»Habet Dank für Eure schnelle Hilfe, Jüngferlein«, sprach er so würdig als möglich.