Mit seiner allersanftesten Stimme hatte Thomas diese Worte gesprochen; dann ging er still hinab in sein Stübchen.

Es währte nicht allzulange, da steckte Grete den Kopf zur Tür herein und sprach leise zu dem eifrig Lesenden:

»Nimm nur die Aepfel, Thomas. Sie sind ja doch dein eigen! Und die Küchlein kriegst du auch; ich gönn' sie ja dem kleinen Volk. Aber wo nimmst du einen Engel her? Bengel gibt's genug im Dorfe; aber einen Engel sah ich nimmer.«

»Nicht?« rief der Bruder aufspringend und sie umfassend. »O du blinde Grete! Hat nicht ein Englein hier am Tisch die lateinischen Worte gelernt? Hat's nicht neben dir gesessen und mit süßer Stimme zum Schnurren des Spinnrads gesungen?«

»Das Annchen?« rief Grete erstaunt. »Thomas, Thomas! Du wirst mir allzu keck! Willst noch gar die Sterne vom Himmel holen! Was wird der reiche Herr dazu sagen?«

»Grete«, sprach der Bruder, »der reiche Herr ist mein Herzensfreund.«

»Ich merk's längst, daß ihr was miteinander habt«, entgegnete die Schwester. »Geb' nur Gott, daß es nicht Gefahr bringt! 's ist ja wohl manches nicht recht unterm Priester- und Mönchsvolk; aber ihr beiden werdet's nicht ändern.«

Der Leutpriester antwortete nicht; wohl aber brachte er von seinem nächsten Stadtbesuch die Nachricht mit, daß das Englein zu haben sei, und nach Kräften zur Verherrlichung des Festes beitragen, ja sogar die alte große Nürnberger Puppe in ein schönes Christkindlein umwandeln wolle.

Alsbald begannen die Vorbereitungen. Der alte Schullehrer genoß viele Ruhestunden, da Pater Thomas schwere Mühe hatte, den Kindern etliche Weihnachtslieder, die er als Chorknabe im Kloster gelernt, einzuüben. Endlich gelang es und beglückte jetzt schon das kleine Volk. Des Abends brannte das Lämpchen im Leutpriesterhaus sehr lange; die Fenster waren aber so gut verhangen, daß kein neugieriges Auge ergründen konnte, was da drinnen vorbereitet ward. Zwei Knaben und ein Mädchen, besonders brave Schüler, durften ein paarmal ins Stübchen kommen, um etwas Geheimnisvolles einzuüben, verrieten aber, stolz auf das Vertrauen, das man ihnen geschenkt, nicht das Geringste.

Endlich, endlich kam der Weihnachtsabend, und des Leutpriesters Feier mochte wohl Gott gefallen, denn Er schickte das allerschönste Winterwetter dazu. Es war nicht sehr kalt; eine leichte Schneedecke lag auf der Erde, und am blauen Himmel leuchtete ein Sternlein nach dem andern auf. Auch droben im Schlößchen war Licht zu sehen. Schon längst trappelten die Kinder unruhig zwischen den Hütten umher, doch war's ihnen streng verboten, vor dem Vesperläuten zur Kirche zu kommen. Endlich, endlich schallte die kleine Glocke feierlich durch die Dämmerung, und erwartungsvoll eilte alt und jung herbei. Nur die Erwachsenen durften in die Kirche, während sich die Kinder vor des Leutpriesters Häuschen zum festlichen Zuge ordneten. Ja, die rosigen Gesichter strahlten in Festfreude, und die hellen Augen glänzten erwartungsvoll; der Anzug aber war bei vielen nichts weniger als festlich. Gar seltsame Hüllen hatte man den Kleinen umgelegt, um sie vor der Kälte zu schützen. Das Tuch der Großmutter, die alte Mütze des Vaters, besonders aber der leere Sack spielte dabei eine große Rolle. Nun stellte sich Thomas an die Spitze seiner kleinen Schar, die singend herüber ins Gotteshaus zog: