Endlich zogen die Wagen ihre Straße; das Schifflein aber glitt leicht und schnell auf der grüngoldig schimmernden Flut dahin. Der Schiffer, durch eine reichliche Gabe günstig gestimmt, spannte ein Segeltuch über die Warenballen, die den Frauen zum Sitz dienten, so daß sie vor Sonne und Wind geschützt waren. Dennoch merkten Grete und Gottfried wohl, daß Annchens Wangen bleicher, ihre schönen Augen matter und ihr Gemüt gedrückter wurde.

Aber, was gilt's? Die Schilderung der Reise, die man jetzt mit der Eisenbahn schnell und mühelos vollendet, wird dem Leser schon zu lang? Darum sei nur gesagt, daß die Flüchtlinge nach vollendeter Wasserfahrt auf zwei zahmen Rößlein, die sie im nächsten Dorfe erhandelten, geduldig ihre Straße zogen, durch Sonnenschein und Regen, auf steinigen Straßen oder lieblichen Waldwegen, durch Furten oder auf Fähren mehrere Flüsse überschreitend, sich aber auch an allem Schönen, was sie umgab, wehmütig erfreuend. Denn die Welt ringsum ward mehr und mehr ein rechter Gottesgarten. O wie herrlich war das duftige, kühle, geheimnisvolle Waldesdunkel! Wie erquickte es die müden Wanderer! Wie überraschend war der weite Ausblick von den Bergeshöhen für die Kinder des flachsten Landes! Süße Beeren würzten das trockene Reisebrot, an sprudelnden Quellen löschte man den Durst.

Jetzt wäre es wohl an der Zeit gewesen, einmal gründlich auszuruhen, doch wagten es die ungelehrten Reisenden nicht. Wie konnten sie wissen, welch weite Verbreitung die neue Lehre in den deutschen Ländern schon erreicht hatte? Sie ahnten nicht, daß ihre Verkündiger, durch Geleitsbriefe mächtiger Fürsten geschützt, mutig umherreisten, um überall, wo man es nur begehrte, das helle Licht des Evangeliums anzuzünden. Besonders Grete fürchtete immer, ausgefragt und zurückgehalten zu werden, und trieb, nicht um ihretwillen, sondern wegen des Kindes, stets zur Eile. Ueberhaupt hatte sie sich die Welt lange nicht so groß gedacht, und staunte, von Bergeshöhen umherblickend, immer von neuem, daß nirgends ein Ende abzusehen war.

Obgleich die Gebirgsbewohner meist freundlich und gastfrei waren, wagten die Reisenden doch nicht, sich ihnen anzuvertrauen, baten nur um Annchens willen hier und da um einen Trunk Milch, und zogen dann weiter, um endlich, endlich die ersehnte Stadt Goslar zu erreichen. Aber ach, wie langsam kam man vorwärts! Oft waren des Mägdleins Kräfte schon erschöpft, wenn die Sonne noch hoch am Himmel stand. Dann bereiteten ihr die Getreuen ein weiches Lager von Gras und Waldkräutern, und hüllten sie in die warme wollene Decke, die man von einem fahrenden Händler gekauft hatte. Grete blieb, still weinend und betend, bei ihr sitzen, während Gottfried etwa im nächsten Dorf Reisekost einkaufte und nach dem Weg fragte. Die Nacht hindurch wachten die beiden Getreuen abwechselnd bei dem Mägdlein, das oft, von schrecklichen Träumen geplagt, emporfuhr und unter heißen Tränen nach dem Vater verlangte. Doch war sie bisher, wenn auch matt und still, am Morgen zum Aufbruch bereit gewesen, wenn auch kein Lächeln mehr auf ihre Lippen trat, und die schönen blauen Augen mit mattem, trübem Blick in die herrliche Gotteswelt hinausschauten.

Endlich aber kam ein Morgen, da an Weiterziehen nicht zu denken war. Unruhig warf sich das Mädchen auf dem Lager hin und her, wirre Worte sprechend und laute Angstrufe ausstoßend. Ach, es lag in heftigem Fieber! Flehentlich bat es, es doch zum Vater zu bringen, in den Kerker oder ins Grab! Es müsse zu ihm! Es höre ihn ja rufen und könne die Trennung nimmer ertragen. Alles liebreiche Zureden der Gefährten war vergeblich; auch das frische Wasser, das Gottfried aus der Quelle holte, konnte die Fieberglut nicht stillen.

Da sank auch Gretes Mut. »Ach, was sollen wir tun?« jammerte sie. »Unser Liebling wird sterben! Wir werden nimmer die sichere Zuflucht erreichen! Gott hat uns verlassen!«

»Sprecht nicht so, gute Grete«, mahnte Gottfried. »Bleibt bei der Kranken und betet; ich gehe, um Hilfe zu suchen.«

Etwa eine Viertelstunde war er den Waldpfad hinabgelaufen, als er plötzlich hinaustrat ins offene Land. Und, o Wunder! Dort unten, wohl nur eine halbe Stunde entfernt, lag die ersehnte Stadt im Glanz der Morgensonne. Ja, sie mußte es sein! So schön und lieblich hatte ihm der Kaufherr ihre Lage geschildert. Seine Freude war so groß, daß er, Annchens Krankheit einen Augenblick vergessend, laut aufjauchzte. Ach, wie schwer hatte die Verantwortung für die Reisegefährten auf seinem jungen Herzen gelegen! Dann aber fiel er auf die Knie und dankte Gott herzinnig für Schutz und Beistand auf der langen Fahrt. Ach, wenn nur der Anlaß zur Reise nicht gar so traurig, gar so entsetzlich wäre! Lange hatte er sich um der Frauen willen bezwungen, jetzt stürzten ihm die Tränen aus den Augen, und sein Dankgebet ging in heißes Flehen über, das Schreckliche standhaft zu tragen.

Horch! Tönte da nicht Gesang? Näher und näher kam es, und jetzt gewahrte er eine Anzahl Männer und Frauen, die singend eine nahe Landstraße entlang zogen. In ihrer Mitte führten sie ein Wäglein, mit zwei Pferden bespannt. In fliegender Eile lief er über Stock und Stein darauf zu, und verstand bald die Worte des Gesanges, nach dessen frischer Weise sich's prächtig wandern ließ:

»Gott der Vater wohn' uns bei