»Herzliebes Kind«, rief Grete, das Mägdlein liebkosend, »quäle dich doch nicht ohne Not! Hast ja wahrlich schwer genug zu tragen! Sieh, wenn unsere Gefangenen schon im Himmel sind, leben sie ja in lauter Freude und Wonne, schauen den Heiland, singen und spielen mit den Engeln, und haben das finstere Gefängnis ganz vergessen. Liegen sie aber noch drin, so werden sie sicher nicht immer trauern. Freuen werden sie sich auf den Himmel, dem sie nun ganz nahe sind. Und, was gilt's, sie werden auf dem Stroh ruhiger schlafen, als ihre Feinde im Daunenbett! So darfst du wohl auch einmal dein Leid vergessen, armes Kind, und dich an Gottes schöner Welt freuen.«

Endlich waren alle Wagen über den Fluß geschafft und zogen nun auf deutschem Boden dem Rheinstrom zu. Die letzte Nachtherberge war überfüllt, da eben Jahrmarkt im Städtchen gehalten wurde. Als man am Morgen weiterzog, wimmelte die Landstraße von allerlei Volk, das auf dem Markte Gewinn oder Lustbarkeit suchte. Da führte ein als Türke verkleideter Mann ein Kamel am Zügel, auf dessen Rücken zwei possierliche Aeffchen ihre Künste zeigten; dann umringte eine Schar Possenreißer die Wagen in wilden Sprüngen. Einer trug eine Eselsmaske vorm Gesicht und ahmte das Geschrei dieses Tieres täuschend nach. Der andere führte in bunter Hanswurstkleidung einen lustigen Tanz auf. König und Königin schritten gravitätisch in zerlumpten roten Mänteln einher, von jedem Reisenden Tribut heischend. Als aber gar ein greulicher Teufel mit garstigen Hörnern die Wagen umtanzte, barg Annchen entsetzt das Gesicht in Gretes Schoß. Durch reichliches Almosen befriedigt, zog das tolle Gesindel endlich seine Straße.

Mit Bangen dachten die Flüchtlinge daran, daß sie nun bald von ihrem edlen Beschützer scheiden und die Reise allein fortsetzen müßten. Schneller, als man gedacht, war das Ufer des Rheinstroms erreicht, der hier nicht, wie weiter im Süden, von malerischen, mit stolzen Burgen gekrönten Höhen und Felsen umgeben ist, sondern durch flaches, ebenes Land strömt. Nun, so hatte man auch nicht zu fürchten, daß von irgend einer Höhe eine gewappnete Schar herabsprengen, die Fuhrleute niederwerfen, die Waren rauben und den Kaufherrn ins Burgverließ schleppen werde, um hohes Lösegeld zu erpressen. Trotz des strengen kaiserlichen Verbotes kam solche Gewalttat noch oft genug vor.

Als die Wagen unweit des Ufers hielten, rief der Kaufherr seine Schützlinge zu sich und sprach:

»Ich ziehe jetzt am Rheinufer hinauf nach Köln. Für euch aber hab' ich einen Plan gemacht, der Jungfer Annchens schwache Kraft am besten schont. Seht, das Schifflein dort am Ufer gehört mir, und liegt bereit, um eine Anzahl Warenballen nach der Stadt Wesel zu bringen. Fahret mit! Der Schiffer ist mir treu ergeben; etwas Reisekost könnt ihr hier im Dorfe einkaufen. Weißt du wohl, Gottfried, welcher Fluß bei Wesel in den Rhein mündet?«

»Gewiß; die Lippe.«

»Nun seht, mein Schiffer wird euch dort einem andern übergeben, der euch mitnimmt, so weit die Lippe schiffbar ist. Dann müßt ihr freilich wandern oder reiten, falls ihr ein Rößlein erlangen könnt.«

»Es ist Gebirgsland; man nennt es den Teutoburger Wald«, sprach Gottfried.

»Jawohl; es ist liebliche Gegend! Spart nur die Kraft des Jungfräuleins, daß sie bis zuletzt ausreicht! Herberge sucht in den Hütten der Armen oder im Schatten des Waldes. Wer weiß, ob ihr nicht hier und da Glaubensgenossen findet, die euch mit Rat und Tat beistehen, und euch den Weg nach der schönen Stadt Goslar am Harzgebirge zeigen! Denn wenn ihr die erreicht habt, ist alle Not zu Ende, da die ganze Gegend die neue Lehre angenommen hat. Man sagte mir, bei euch schütze ein Glaubensbruder den andern, ohne auch nur Dank dafür zu heischen, geschweige denn Lohn! Nun, ich wünsch' euch von ganzem Herzen Gottes Schutz und Geleit, denn ihr seid das Widerspiel von dem Bilde, das man mir von den Ketzern gemacht. Als wilde, rohe, vermessene und hoffärtige Leute hat man sie mir geschildert; euch fand ich sanftmütig, bescheiden und dankbar. Ohne Worte habt ihr mir gepredigt, und ich werde einer Lehre, die so edle Früchte trägt, weiter nachforschen. Reicht mir die Hand und gehabt euch wohl.«

Mit Tränen des Dankes nahmen die Flüchtlinge von dem braven Manne Abschied; den Fuhrleuten und Reitern aber spendete Gottfried eine reiche Gabe aus seinem Beutel, so daß sie ihm alle die Hand schüttelten und den Frauen lauten Abschiedsgruß zuriefen.