»Es sind Zigeuner«, sprach der Kaufherr; »eine rechte Landplage! Wohl könnten wir stracks zwischen ihnen hindurchfahren, oder sie gar durch ein paar Schüsse einschüchtern, doch ist das nicht geraten. Sie sind listig und wissen sich wohl zu rächen. Besser ist es, sie durch eine kleine Gabe zufrieden zu stellen.«
Schon waren die Wagen, die auf einen Ruf des Herrn stillstanden, von dem wilden Schwarm umringt. Etliche streckten bettelnd die Hände aus, andere wollten wahrsagen, heilende Salbe verkaufen und Wunderwasser, das in allen Krankheiten helfen sollte. Es gelang ihnen auch, einige kleine Münzen von den Reitern und Fuhrleuten zu erlangen. Aber jetzt rief der Kaufherr den Anführer der Bande zu sich und sprach, zwei blanke Silberstücke emporhaltend:
»Genug des Lärms! Gebiete deinem Volk, ruhig seine Straße zu ziehen, so ist eins von diesen dein; das andere reicht wohl zu gutem Abendtrunk für alle!«
Das wirkte Wunder! Die Augen des Mannes funkelten. Er rief einige unverständliche Worte; schnell bildete sich der Zug, die braune Hand schloß sich über den Münzen, und die Wagen setzten sich in Bewegung. Ein kleiner brauner Bube hatte den vorderen Wagen erklettert und betrachtete Annchen mit neugierigem Blick, fing aber ein Zetergeschrei an, als er sich von seinen Genossen getrennt sah. Ganz ruhig packte ihn der Fuhrmann beim Schopf und warf ihn wie einen Ball hinunter in den Staub der Landstraße. Doch schien er an solche Behandlung gewöhnt, rappelte sich hurtig auf, um etwas hinkend seinem Volke nachzueilen.
Gottfrieds Herz schlug leichter, seit er volles Vertrauen zu dem edlen Kaufherrn gefaßt und sich und seine Leidensgefährten seiner Führung anvertraut hatte. Schon mehrmals hatte man auf Brücken oder durch Furten kleinere Flüsse überschritten, als man endlich die Maas erreichte, wo die Wagen einer nach dem andern auf schwerfälliger Fähre ans andere Ufer gebracht werden mußten. Während Gottfried tüchtig mit angriff, saßen Grete und Anna im weichen Gras und freuten sich der Ruhe. Lange lehnte das Mädchen still das Haupt an die Schulter der treuen Beschützerin; dann begann es leise:
»Gute Grete, glaubt Ihr, daß Gott den lieben Vater und Euern Bruder erretten wird?«
»Ja«, erwiderte Grete, »gewiß wird Er es tun. Wer weiß, ob Er's nicht schon getan hat! Gestern abend, als du schon schliefst, sprach ich mit Gottfried darüber; er ist so klug! Er sagt, sie seien vielleicht schon droben im Himmel.«
»So meine ich's nicht«, erwiderte Anna. »Ich sehne mich so bitter nach dem Vater, und Euer Herz, gute Grete, verlangt nach dem Bruder; ich weiß es wohl! Pater Thomas erzählte mir einst, ein Engel habe den Apostel Petrus durch viele feste Türen aus dem Gefängnis hinaus auf die Straße geführt. O sage, kann das nicht auch mit unsern teuern Gefangenen geschehen?«
»Gewiß kann es Gott tun«, erwiderte Grete zögernd, »aber ich glaube nicht, daß Er es tun wird! Erzählte dir nicht Thomas auch, daß alle heiligen Apostel außer Johannes den Märtyrertod erlitten haben? Ihnen sollen unsere Geliebten wohl nun nachfolgen, aber dann auch im Himmel neben ihnen glänzen wie helle Sterne.«
Eine Weile schwieg das Mädchen, dann sprach es traurig: »Ach Grete, wie schwer ist mir das Herz! Ich bin ein böses, untreues Kind! Sieh, in den ersten Reisetagen hab' ich ja immer getrauert und geweint, so lang ich nur Tränen hatte. Gestern aber, als alles ringsum so lieblich grünte und blühte, und die Vöglein so lustig sangen, ach, da hab' ich wirklich eine Zeitlang mein Leid vergessen und mich an Gottes schöner Welt gefreut. Und über den kleinen drolligen Zigeunerbuben hab' ich sogar gelacht! Ach Grete, das vergeb' ich mir nimmer!«