»Gibt es nicht! Gibt es nicht!« rief der Wirt ganz verändert. »Fehlte mir noch, Kammern vorzurichten für Bauernvolk! Hinein mit euch«, schrie er den Flüchtlingen zu, »die Suppe wird gleich aufgetragen. Nehmt, was euch gebührt, oder schert euch aus dem Hof!«

Statt aller Antwort drehte ihm der Kaufherr den Rücken und rief seinen Fuhrleuten zu:

»Halt! Klaus, Joseph, Peter! Spannt nicht aus! Wir sind dem Herrn Wirt zuviel! Wollen noch eine Strecke im Mondschein fahren!«

Das half! »O, ich bitt' euch«, rief der Mann, »tut mir das nicht zuleid! Mein bester, mein vornehmster Gast! Weib! Mädel! Wo steckt ihr denn? Flink die hintere Kammer gerüstet; ein sauberes Lager hinein! Eine Schüssel Suppe hierher auf die Bank vor der Tür und weißes Brot dazu!«

Schnell, wie durch Zauberei, wurden alle Befehle erfüllt, und bald ruhten Grete und Annchen nach diesem unendlich schweren Tage auf reinlichem, mit einem Laken bedeckten Strohlager, während Gottfried noch ein Gespräch mit dem Kaufherrn hatte, und ihm nicht verschwieg, daß Magdeburg das Ziel der Reise sei.

»So könnt ihr noch drei Tage mit mir fahren«, sprach der brave Mann, »dann scheiden sich unsere Wege. Bauersleute seid ihr nicht; das bekundet deine und des Jüngferchens Sprache und Sitte. Die Frau kann eher dafür gelten! Was ihr seid, begehre ich nicht zu wissen, ahne es aber, da ich im Hafen von Antwerpen entsetzliche Kunde vernahm. Von der neuen Lehre weiß ich noch wenig; doch bin ich dem Volke der Pfaffen und Mönche nicht sehr zugetan, und jedes grausame Blutvergießen ist mir ein Greuel! Nun geh, mein Sohn, und schlafe bei den Fuhrknechten im Stalle. In deinem Alter hab' ich mich oft mit solchem Lager begnügen müssen.«

Bei Sonnenaufgang ging's nach einem guten Frühstück von Milch und Brot wieder auf die Fahrt. Gegen Mittag erreichte man eine Stadt, wo einer der Reiter wegen allerlei Geschäften zurückbleiben mußte. Gottfried durfte das ledige Roß besteigen; bald rief ihn der Kaufherr an seine Seite und fragte nach mancherlei, endlich auch nach dem Weg, auf dem die Flüchtlinge Magdeburg erreichen wollten.

»Mein Sohn«, sprach er nach einigem Nachdenken, »dieser Weg mag wohl für einen erfahrenen Mann passen, der in allen diesen Städten Freunde hat, aber für euch ist er viel zu beschwerlich. Wie lange würde die kleine holde Jungfer dies angestrengte Reiten aushalten? Was würde sie in den Nachtherbergen zu leiden haben! Vertrauet euch mir; ich meine es gut mit euch, wenn ich euch auch zuerst etwas weiter nach Mittag zu führen muß, als richtig scheint.«

»Vollkommen vertraue ich Euch!« rief Gottfried. »Ihr seid uns gekommen wie ein Engel von Gott gesandt! Schwer lag mir die Verantwortung für das Mägdlein auf dem Herzen. Ihr werdet uns gewiß sicher ans Ziel bringen. Aber horcht! Was ist das für ein Lärm? Wilder Gesang, Geschrei, Harfen- und Flötenton, alles durcheinander!«

Ja, da nahte sich ein seltsamer Zug. Wohl zwanzig bis dreißig wilde, schwarzhaarige, sonnenverbrannte Männer, teils in malerisch bunter, teils in jämmerlich zerlumpter Kleidung schritten dem Wagenzug entgegen. Auf mehreren, von struppigen mageren Rößlein gezogenen Karren saßen wildblickende, dunkeläugige Weiber, mit allerlei Flitterstaat behangen, halbnackte braune Kindlein in den Armen. Größere Buben und Mädchen, halbnackt und reichlich mit dem Schmutz der Landstraße bedeckt, stürmten mit bittend ausgestreckten Händen auf die Wagen zu.