Mißtrauisch betrachtete der Reiter den Jüngling, dessen Sprache nicht recht zu dem groben Wams paßte. Indessen war der zweite, viel besser gekleidete Reiter herangekommen. Sobald Gottfried ihm seine Bitte vortrug, gebot er den Wagen Halt und sprach:

»Steigt getrost auf, ihr Armen! Hat mir Gott meine Waren sicher übers Meer geleitet, so darf ich den Bedrängten wahrlich keine Gunst versagen. Greif zu, Klaus«, gebot er dem Fuhrmann; »heb das Jüngferlein empor und hilf der Frau! Laßt euch nur auf die vorderen Ballen nieder; sie sind weich! Spring mit auf, Bube! Bist ja so bleich wie eine Wand! So, nun vorwärts!«

Uns verwöhnten Leuten im zwanzigsten Jahrhundert hätte diese Art zu reisen wohl wenig behagt, da die Wagen gewaltig schwankten und es bei den Unebenheiten der Straßen manch harten Stoß setzte, so daß Grete den starken Arm um ihren Schützling schlingen mußte. Aber die Flüchtlinge gewöhnten sich bald an diese Dinge, und dankten Gott für den sicheren Sitz und den Schutz der Leinwand vor den brennenden Sonnenstrahlen. Und wie schnell kam man vorwärts! Schon um die Vesperzeit war das Städtchen N. erreicht, an dessen Wirtshaustür der freundliche Kaufherr alle seine Leute und auch seine Schützlinge mit einem kühlen Trunk Bier erquickte. Bald nach Sonnenuntergang gelangte man zu dem Marktflecken, wo Nachtrast gehalten werden sollte.

Aber ach! Wie überfüllt von allerlei lärmendem, streitendem, singendem oder trübselig herumsitzendem Volk war die einzige große Gaststube der Nachtherberge! Hier zog sich einer die schmutzigen Stiefel aus, dort im Winkel wechselte ein anderer das Hemd. Dazu war's drückend heiß in dem niedrigen Raum, und die dicke Luft angefüllt mit allerlei übeln Gerüchen. Aengstlich und zitternd blieb Annchen an der Tür stehen.

»Hier kann ich nicht bleiben, gute Grete«, flüsterte sie ihrer Beschützerin zu; »mir wird so bange! Auf dem großen Strohlager dort hinten könnt' ich kein Auge zutun!«

»Kommt heraus«, riet Gottfried. »Vielleicht erlaubt euch der Herr, auf den Ballen im Wagen zu schlafen.«

Da stand er ja schon im Gespräch mit dem dicken Wirt, der hier unumschränkte Gewalt ausübte.

»Ist die Kammer für mich bereit, die der reitende Bote bestellte?« fragte der Kaufmann. »Ist in den Ställen saubere Streu für Roß und Mann?«

»Alles besorgt. Herr«, erwiderte der Wirt.

»Ich brauche aber heute noch eine Kammer für jene Frau und das zarte Mägdlein ihr zur Seite.«